Zwischen Fels und Himmel – wo Spuren im Schweigen bleiben

Der Dachstein im ersten Licht – ein Ort, der Fragen stellt, bevor er Antworten gibt. Offizielles Sujet der Dachstein Dialoge 2026 in Filzmoos · Ramsau. Thema: „Worauf kann ich vertrauen?“

Manchmal entscheidet der Berg. Schon 2025 wollte ich bei den Dachstein Dialogen dabei sein, doch Terminüberschneidungen machten mir einen Strich durch die Rechnung. Und als ich heuer zur Präsentation am 12. Mai aufbrechen wollte, stoppte mich der Wettergott persönlich: Schneefall in der Ramsau, Sommerreifen am Auto – und ich musste umdrehen.

Vielleicht liegt es daran, dass mir die Dachsteinregion mehr bedeutet als ein Festivalort. Ich komme aus der Obersteiermark, ich kenne diese Berge, ihre Geschichten, ihre Eigenheiten. Und ich habe über die Region schon oft geschrieben – von Bill Fontanas Silent Echoes bis zu den Spuren von Ai Weiwei am Hohen Dachstein. Auch die Geschichte von Bodo Hell, der seit August 2024 in diesem Gebiet vermisst wird, begleitet mich seither wie ein Echo.

Umso mehr hoffe ich, 2026 endlich bei den Dachstein Dialogen dabei zu sein. Denn das Festival widmet sich heuer einer Frage, die uns alle betrifft: „Worauf kann ich vertrauen?“

Ein Festival im Zeichen der Unsicherheit

Vom 18. bis 24. September 2026 erkunden die Dachstein Dialoge in Filzmoos und Ramsau zentrale Fragestellungen unserer Gegenwart. In einer Welt, die von geopolitischen Machtkämpfen, Kriegen, digitalem Umbruch und KI‑Dynamiken geprägt ist, wird Vertrauen zur knappsten Ressource.

Eröffnet wird das Festival von der Philosophin Lisz Hirn, die ein Plädoyer für Urteilsfähigkeit in unsicheren Zeiten hält – ein Auftakt, den ich mir nicht entgehen lassen werde.

Der künstlerische Leiter Philipp Blom bringt es auf den Punkt: „Ohne Vertrauen gibt es keine Gemeinschaft, keine Gesellschaft.“

Welche Basis braucht Vertrauen? Wem können wir glauben – Personen, Institutionen, Quellen? Welche Rolle spielt KI in der Wahrnehmung von Wahrheit? Und wie lässt sich Vertrauen wieder stärken?

Orte, die zu Bühnen werden

Die Dachsteinregion verwandelt sich erneut in einen Resonanzraum: Scheunen, Bauernstuben, Kirchen und historische Plätze werden zu Orten des Zuhörens und des Austauschs. Die Mützenhalle Filzmoos wird zum Kinosaal, wo Filme wie Boyhood und Die beste aller Welten gezeigt werden – beide erzählen vom Vertrauen als Prozess.

Eine historische Wanderung führt zu den Spuren der Bibelschmuggler im 17. und 18. Jahrhundert. Hier wird Dialog nicht nur geführt – er wird gegangen.

Impulse, Stimmen, Perspektiven

Diskussionen, Vorträge, Workshops und Seminare beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Bei „Fakten, Daten, Leidenschaft – Wissenschaftler:innen und der Kampf um Vertrauen“ sprechen u. a. Eva Nowotny und Reinhard Steurer darüber, wie Vertrauen in einer komplexen Welt neu aufgebaut werden kann.

Erwartet werden u. a.:

  • Alexandra Föderl‑Schmid
  • Wolfgang Petritsch
  • Gerald Knaus
  • Christoph Ransmayr
  • Marlene Engelhorn
  • Wolfram Berger

Musikalisch begleiten das Simply Quartet, Christophe Coin, das Trio Bohémo, Peter Havlicek, die AUTländisch.family und Chöre der Region. Open Concerts laden Musiker:innen und Publikum zum gemeinsamen Musizieren ein.

Ein Festival aus der Region – für die Region

„Die Dachstein Dialoge wurden von Menschen aus der Region für die Region gegründet“, sagt Obfrau Regina Stocker. Der Leitgedanke: In die Zukunft schauen, aus der Vergangenheit lernen, die Gegenwart gestalten.

Gerade in einer Region, die lange von Konflikten geprägt war, ist Dialog nicht Luxus – er ist Notwendigkeit.

Die Dachstein Dialoge sind mehr als ein Festival. Sie sind eine Einladung, Vertrauen neu zu denken – an einem Ort, der selbst seit Jahrhunderten zwischen Fels, Geschichte und Zukunft steht.

Dachstein Dialoge

Wenn Kunst sichtbar wird – Die digitale Offensive der ALBERTINA

Gustav Klimt, Studie für „Diesen Kuss der ganzen Welt“ (Beethovenfries), 1901. Bleistift auf Papier. © ALBERTINA, Wien – Sammlung Online.
(Dateiname/Archivbezeichnung: gustav_klimt_studie_fuer_diesen_kuss_der_ganzen_welt_im_beethovenfries_1901)

Die Kunstwelt bewegt sich – und die ALBERTINA bewegt sich mit. Mit Beginn des Jahres 2026 hat das Haus einen Schritt gesetzt, der weit über die Mauern des Museums hinausstrahlt: Die Kunst wird in der digitalen Welt verankert. Und zwar nicht als Zusatz, sondern als neue Ebene kunsthistorischer Forschung.

Kursiv: Die ALBERTINA hat erstmals mit Beginn des Jahres 2026 einen großen Schritt gesetzt! Es gibt erstmals eine gemeinsame Plattform digitaler Werkverzeichnisse, welche auf mehrjähriger systematischer Forschungsarbeit basieren.

Diese Plattform ist mehr als ein Archiv. Sie ist ein lebendiges Forschungsinstrument, das Künstler:innen sichtbar macht, deren Werk in der Sammlung der ALBERTINA besonders stark vertreten ist. Den Auftakt bilden drei große Namen: Gustav Klimt, Florentina Pakosta und Max Weiler – allesamt Künstler, deren grafische Arbeiten die DNA der ALBERTINA prägen.

Ein digitales Fundament für die Zukunft

Mit dem weltweit ersten Online-Werkverzeichnis der Zeichnungen Gustav Klimts setzt die ALBERTINA ein internationales Signal. Die Werkverzeichnisse sind dynamisch, interaktiv und wissenschaftlich fundiert. Sie ermöglichen neue Erkenntnisse, zeigen bislang verborgene Zusammenhänge und wachsen kontinuierlich weiter.

Kursiv: Die Werkverzeichnisse ermöglichen ein rasches Erfassen neuer Erkenntnisse und neu identifizierter Zeichnungen. Sie machen durch interaktive Verknüpfungen von Informationen bislang verborgene Zusammenhänge sichtbar und werden ständig erweitert.

Generaldirektor Ralph Gleis betont die Rolle der ALBERTINA als Knotenpunkt eines globalen Forschungsnetzwerks. Sein Statement zeigt klar: Digitalisierung ist hier kein Trend, sondern eine Haltung.

Wissen für alle – jederzeit und überall

Die Plattform ist frei zugänglich. Das bedeutet: Kunstgeschichte wird demokratisiert. Forscher:innen, Museen, Sammler:innen und kunstinteressierte Menschen können gleichermaßen eintauchen – tief, strukturiert und ohne Barrieren.

Kursiv: Der neu präsentierte digitale Catalogue Raisonné eröffnet mit der interaktiven Verknüpfung von Informationen… die Möglichkeit, neue Zusammenhänge zu erschließen und sichtbar zu machen.

Für die Öffentlichkeit wirkt das fast revolutionär: Zum ersten Mal werden Werkverzeichnisse zentral, vergleichbar und transparent.

Digitale Zukunft – Analoge Wurzeln

Während die ALBERTINA digital neue Räume öffnet, schlägt die analoge Welt am Attersee einen Bogen zurück zu Gustav Klimt. Am 22. Mai 2026 wird das Klimt-Museum wiedereröffnet – mit einer Ausstellung, die Vergangenheit und Gegenwart miteinander verschränkt.

Klimt trifft dort auf Richard Teschner, dessen selten gezeigte Zeichnungen aus der Villa Paulick erstmals umfassend präsentiert werden. Und im Zentrum steht Pablo Meier-Schomburg, ein zeitgenössischer Maler, der mit seiner pointillistischen Handschrift unsere Sehgewohnheiten herausfordert.

Über diese Ausstellung werde ich exklusiv berichten – denn hier begegnen sich zwei Welten: die digitale Forschung und die analoge Erfahrung.

Warum das alles wichtig ist

Die Digitalisierung der ALBERTINA ist kein Projekt, sondern ein Wendepunkt. Sie schafft nachhaltige Strukturen, öffnet Archive, verbindet Generationen und macht Kunstgeschichte beweglich.

Geschichte lebt – und sie lebt weiter, wenn wir sie zugänglich machen.

Ausblick

Die nächsten digitalen Werkverzeichnisse sind bereits in Arbeit: Arnulf Rainer und Alex Katz folgen. Die Reise hat erst begonnen.

Zwischen analogen Schätzen und digitalen Räumen entfaltet sich die Zukunft der Kunst – leise, aber unaufhaltsam. Und wir dürfen miterleben, wie ein neuer Blick auf die Kunst entsteht.

Weiterführende Links der ALBERTINA

SOMMERSZENE 2026 – Ein Festival zwischen Anspruch und Realität

Rosana Ribeiro / SELVA – Break the Dam – Mehrfachbelichtung als Metapher für Druck, Bewegung und Transformation. Foto: Bernhard Müller, Sommerszene 2026.

Der Sommer in Salzburg beginnt nicht leise — er beginnt mit einem Puls. Doch dieser Puls schlägt heuer anders. Die SOMMERSZENE 2026 eröffnet den kulturellen Frühsommer mit vierzehn Produktionen, fünf österreichischen Erstaufführungen und zwei Premieren. Ein beeindruckender Rahmen, der jedoch nicht in allen Bereichen die erwartete künstlerische Schärfe entfaltet.

Zeitgenössischer Tanz, Performance und gesellschaftspolitische Themen stehen im Zentrum — doch die kuratorische Handschrift wirkt stellenweise zurückhaltend. Manche Arbeiten behaupten mehr, als sie riskieren. Andere bleiben atmosphärisch blass. Die Frage, wie viel Reibung ein Festival zulässt, das gleichzeitig als Green Event und mit neuem Markenauftritt glänzen möchte, begleitet den diesjährigen Jahrgang wie ein leiser Unterton.

Trotzdem gibt es Produktionen, die herausstechen — durch Energie, Haltung oder klare künstlerische Vision. Zwei davon seien hier hervorgehoben.

Rosana Ribeiro / SELVA – Break the Dam

Premiere, 11. & 12. Juni, ARGEkultur

Ein Bild bleibt hängen: fünf Körper, die sich aus einer Starre heraus in Bewegung kämpfen. Dynamik, Resonanz, Druck, der sich aufbaut und entlädt. Die in Salzburg lebende portugiesisch-brasilianische Choreographin Rosana Ribeiro entwickelt seit Jahren eine präzise, eigenständige Bewegungssprache. In Break the Dam untersucht sie, wie äußere Erschütterungen — ökologische, politische, emotionale — sich in Körper und Landschaft einschreiben.

Mikrobewegungen lösen die Starre, Energie beginnt zu zirkulieren, Landschaften scheinen aufzubrechen. Ein Stück, das in unsere Zeit passt: Klima, Konflikte, Stagnation — und die Frage, wie Transformation beginnt. Ein Blick auf selva.co.at vertieft den Eindruck.

Sasha Waltz – Travelogue I – Twenty to Eight

Internationales Gastspiel, 8. & 9. Juni, SZENE Salzburg

Ein Klassiker, der seine Kraft nicht verloren hat. Sasha Waltz’ ikonisches Stück über den zwischenmenschlichen Mikrokosmos — voller Rhythmus, Witz und Expressivität — wird erneut einer jungen Generation von Tänzer*innen übergeben. In einem Festivaljahrgang, der insgesamt eher verhalten wirkt, setzt dieses Gastspiel einen klaren Akzent: zeitlos, präzise, lebendig.

SOMMERSZENE × Universität Mozarteum – Bodies, Borders, Porosity

Applied Theatre, Eintritt frei

Wo beginnt ein Körper — und wo endet er? Welche Grenzen sind sichtbar, welche unsichtbar, welche durchlässig? Studierende des Masterstudiengangs Applied Theatre arbeiten mit Menschen aus Salzburg: Sexarbeiterinnen, Sportlerinnen, Gläubigen und Zweifelnden, Bewohner*innen von Liefering, migrantischen Communities. Aus diesen Begegnungen entstehen Gesten des Protests, Räume der Veränderung und ein vielstimmiges Nachdenken über Körper und Territorien.

Ein Projekt, das zeigt, wie stark die Sommerszene sein kann, wenn sie gesellschaftliche Realität nicht nur abbildet, sondern öffnet.

Neuer Look – neue Energie?

Die Sommerszene präsentiert sich 2026 mit einem neuen visuellen Auftritt des Salzburger Studios Solid & Bold. Bewegungsunschärfen verstärken die Dynamik der Künstler*innen, die karmesinrote Farbwelt pulsiert wie ein Herzschlag im Stadtraum. Doch so kraftvoll der Look ist — er kann nicht überall kaschieren, dass manche programmatischen Entscheidungen weniger mutig ausfallen als die grafische Linie suggeriert.

Green Event – Anspruch und Verantwortung

Die Sommerszene wird als Green Event ausgerichtet und trägt seit Anfang 2026 das Österreichische Umweltzeichen. Ressourcenschonung, regionale Wertschöpfung und Gemeinwohlökonomie sind zentrale Leitlinien. Ein wichtiger Schritt — doch auch hier stellt sich die Frage, wie ökologische Verantwortung und künstlerische Radikalität sich gegenseitig stärken können.

Spielorte 2026

  • SZENE Salzburg
  • ARGEkultur
  • Toihaus Theater
  • Salzburger Kunstverein
  • Kollegienkirche
  • Kurgarten

Am Ende bleibt ein Festival, das wichtige Fragen stellt, aber nicht immer die nötige Schärfe findet – und gerade deshalb aufmerksam beobachtet werden sollte.

Sommerszene — SZENE Salzburg oder Programm — SZENE Salzburg

18. Literaturfest Salzburg – Literatur zwischen Sprache, Musik und Frühlingslicht

Literaturfest Salzburg: Bücher, Stimmen und Begegnungen Foto: (c) Christa Linossi 2026

Der Frühling hat Salzburg nicht nur geweckt, er hat die Stadt wachgeküsst und in jenes vibrierende Leuchten getaucht, das Kunst und Sprache miteinander verbindet. Beim 18. Literaturfest Salzburg wird genau dieses Leuchten hörbar: Worte treffen auf Musik, Stimmen auf Klangräume, und plötzlich entsteht ein Dialog, der weit über die Bühne hinausreicht. Unlängst war ich bei der Präsentation des Festivals, das heuer vom 27. bis 31. Mai 2026 die Stadt erneut in ein Resonanzfeld aus Literatur, Klang und lebendiger Begegnung verwandeln wird.

Neu an der Spitze: Birgit Birnbacher, Salzburgerin, Bachmann‑Preisträgerin 2019 – gemeinsam mit Carmen Schwarz und Nadine Samija bildet sie ein Leitungstrio, das frischen Wind verspricht. „Auf zu neuen Ufern“ heißt es so schön – und genau diese Frage schwebte im Raum: Was bleibt? Was verändert sich?

Das Literaturfest ist seit jeher ein Ort, an dem Gespräche, Lesungen, Diskussionen und Konzerte miteinander in Beziehung treten. Heuer steht alles unter einem großen, schimmernden Thema: die Wechselwirkung von Sprache und Musik.

Schon bei der Präsentation wurde klar, wie kraftvoll diese Verbindung sein kann: Das Künstlerduo Cassandra Rühmling und Stefan Fleming zeigte eine Performance, die mich mitten ins Herz traf. Rühmling – musikalisch, performativ, eigenständig, eine Wucht. Fleming – ein alter Theaterfuchs, präzise, rhythmisch, mit diesem typisch österreichischen Understatement, das plötzlich explodiert.

Cassandra Rühmling und Stefan Fleming nach ihrer eindrucksvollen Darbietung beim Literaturfest Salzburg Foto: (c) Christa Linossi 2026

Gemeinsam präsentierten sie komponierte Musik zu Interviews von Thomas Bernhard. Fleming traf den Ton Bernhards mit verblüffender Genauigkeit, während Rühmling Klangräume öffnete, die zwischen Wucht und Zartheit schwebten. Wer Bernhard liebt – und wer Rühmlings Kompositionen kennt – wird hier goldrichtig sein.

Performance von Cassandra Rühmling und Stefan Fleming – eine kraftvolle Verbindung aus Sprache und Klang Foto: (c) Christa Linossi 2026

Eröffnung im Marionettentheater – 27. Mai, 19:30 Uhr

Die Eröffnung verspricht ein starkes literarisches Trio:

  • Nava EbrahimiUND FEDERN ÜBERALL (Luchterhand 2025): eine sensible, sozialkritische Erzählung über Ausbeutung und die Frage, wie wir menschlich bleiben.
  • Daniel WisserUNTER DEM FUSSBODEN (Klever 2024): phonetisch pointierte Miniaturen, alphabetisch geordnet, präzise wie ein Metronom.
  • Natascha GanglFRISCHE APPELLE (Ritter 2025): Schreiben „vom Ohr her gedacht“ – Avantgarde, Witz, Schmerz, alles in einem Atemzug.

Musikalisch begleitet von DIE STROTTERN, die das österreichische Schwarzmalen in ein klangvolles, entstaubtes Wienerlied verwandeln – Geige, Gitarre, Atmosphäre.

Edmundsburg – Literatur, Musik und ein Blick in die Tiefe

Besonders spannend wird die Matinee im Europasaal der Edmundsburg: Manfred Mittermayer und Susanne Kogler sprechen über Ingeborg Bachmann, anlässlich ihres 100. Geburtstags – über ihre intellektuellen und emotionalen Zugänge zur Musik. Cassandra Rühmling liest ausgewählte Textstellen und verleiht ihnen ihren ganz eigenen Klang.

Ein Satz aus dem Festivalprogramm blieb mir hängen:

„Irgendwann haben alle wieder ihr Ziel erreicht, selbst die, die keins hatten.“ (Jovana Reisinger, Spitzenreiterin)

Mein Statement:

Jeder Mensch hat seine eigene Vorstellung davon, was Literatur ist – und was ein Literaturfestival sein soll. Umso mehr lohnt sich ein Blick ins Programm, das heuer besonders reich an Stimmen, Klängen und überraschenden Begegnungen ist.

👉 Programm: www.literaturfest-salzburg.at

Florian Köhnlein – Totentänze, stille Wesen und die Kunst des genauen Sehens

„In der Umarmung dieser Skelette liegt ein Gedanke, der älter ist als wir selbst: Dass Nähe bleibt, auch wenn Körper vergehen.“ Werk von Florian Köhnlein, Foto: (c) Christa Linossi 2026

Manchmal stolpert man in etwas hinein, das einen unvermittelt trifft. So ging es mir, als ich – zu früh dran, wartend auf eine Freundin – in die Stadtgalerie Rathaus Salzburg trat. Ein Plakat kündigte einen Künstler an, dessen Name mir bis dahin nichts sagte: Florian Köhnlein. Sekunden später stand ich mit offenem Mund da. Ein leises, aber tiefes Wow.

Totentänze ohne Schrecken – eine stille, existenzielle Wucht

„Ein stiller Moment zwischen Schutz und Vergänglichkeit – ein Totentanz, der nicht trennt, sondern verbindet.“ Werk von Florian Köhnlein, Foto: (c) Christa Linossi 2026

Die Ausstellung trägt den Titel „Totentänze und andere Wesen“. Ja, es geht um den Tod – aber nicht um den makabren, nicht um den schockierenden. Köhnlein zeigt Skelette, die sich in knochigen Armen halten, miteinander tanzen, ein Glas heben oder einfach beieinander sitzen. Es ist ein Totentanz, der nicht erschreckt, sondern erinnert: an Vergänglichkeit, an Gleichheit, an das, was bleibt, wenn alles Äußere fällt.

„Geklebte Materialien bringen eine vorgegebene Struktur mit. Ich muss sie nur noch betonen.“ Über Material, Collage und das Erbe seines Vaters

Das Material überrascht: einfaches Packpapier, geformt, geschichtet, geklebt. Kein Glas vor den Werken – bewusst. Spiegelungen würden die Präsenz stören. So stehen die Figuren offen im Raum, verletzlich und direkt.

Arbeiten aus dem Inneren – Impuls statt Konzept

Köhnlein beschreibt seinen Ausgangspunkt als etwas, das schwer zu benennen ist. „Innerer Impuls“ trifft es wohl am ehesten. Zeichnen ist für ihn eine Form des Denkens, eine Sprache, die näher an seinem Wesen liegt als Worte.

„Nur weil wir Augen haben, können wir noch lange nicht sehen.“ Ein Satz, der sein gesamtes Werk durchzieht

Natur, Tierwelt, Licht, Rhythmus – all das liefert ihm Struktur. Seine Werke entstehen aus diesem genauen, geduldigen Sehen.

Die Gegenwart, der Tod und die Frage nach dem Wesentlichen

Köhnlein ist 61. Und er sagt offen, dass er unsere Zeit als die beunruhigendste seines Lebens empfindet.

„Die Menschheit dreht gerade völlig durch. Superreiche wollen den Tod überwinden oder zumindest vergessen.“

Der Tod ist für ihn kein Tabu, sondern ein Schlüssel:

„Das Mysterium des Lebens ist nur über die Auseinandersetzung mit dem Tod zu verstehen.“

Eine Krebserkrankung in jungen Jahren hat diese Haltung geprägt. Der Tod ist für ihn kein Ende, sondern ein Gleichrichter.

Japanische Reduktion – und die Kunst, das Wesentliche zu lassen

„Feinste Reduktion: Ein Moment zwischen Bewegung und Stille.“ Grafik von Florian Köhnlein, Foto: (c) Christa Linossi 2026

In vielen Arbeiten spürt man eine japanisch anmutende Klarheit. Hokusai, Hiroshige – sie begegneten ihm früh. Format, Positionierung, Reduktion: alles bewusst, aber nicht verkopft.

Die grafischen Arbeiten – Tiere, Vogelnester, Blicke – wirken minimalistisch und gleichzeitig intensiv. Die Augen spielen eine zentrale Rolle: ob Totenkopf, Vogel oder Tierwesen – sie tragen Ausdruck, Haltung, Geschichte.

Der Lehrer, der täglich selbst lernt

Köhnlein unterrichtet Grafik & Medien an der HTL Salzburg. Dort übt er mit seinen Schüler*innen Grundlagen des Sehens und Gestaltens – und gleichzeitig mit sich selbst.

„Der Austausch mit den Schülerinnen eröffnet immer wieder Perspektiven, an die ich selbst noch nicht gedacht habe.“*

Er unterscheidet klar zwischen erlernbaren Grundlagen und individuellem Ausdruck. Diese Haltung spürt man in seinen Werken: Handwerk und Intuition greifen ineinander.

„Handwerk und Intuition im Gleichgewicht – ein Werk, das Köhnleins grafische Präzision und expressive Freiheit vereint.“ Werk von Florian Köhnlein, Foto: (c) Christa Linossi 2026

Ein Künstler, den man nicht vergisst

Ich frage mich, warum ich ihn bisher übersehen habe. Er hatte Ausstellungen in Vorarlberg und Salzburg, ist auf Instagram präsent – und doch blieb er mir verborgen, bis ich zufällig in diese Galerie stolperte.

„Ein Blick, der bleibt – Köhnleins feiner Humor in präziser Linienarbeit.“ Werk von Florian Köhnlein, Foto: (c) Christa Linossi 2026

Vielleicht musste es so sein. Vielleicht brauchte es genau diesen Moment, dieses Wow.

Denn eines ist klar: Florian Köhnlein ist ein Künstler, den man sich merken sollte. Nicht laut, nicht auf Vermarktung aus – sondern jemand, der Kunst als Kunst versteht. Und jemand, mit dem man Gespräche führt, die philosophisch werden, ohne schwer zu werden.

Ein Künstler, der Räume öffnet. Und einer, der bleibt.

MAX PECHSTEIN IM LENTOS – Farbe, Freiheit und ein Blick, der bis heute wirkt

Max Pechstein, Gardasee, 1924. Öl auf Leinwand. LENTOS Kunstmuseum Linz. Ein nächtlicher Blick über den See – Farbe, Rhythmus und eine stille Intensität, die Pechsteins Reisen prägt.
Die gezeigten Werke stammen aus der Sammlung des LENTOS Kunstmuseum Linz.

Diesmal tauchte ich im Lentos Museum in eine Ausstellung ein, die einem der bedeutendsten deutschen Maler und Grafiker des Expressionismus gewidmet ist: Max Pechstein. Die Schau zeigt über 100 Werke aus der Kunstsammlung Zwickau – eine internationale Retrospektive, die Pechsteins Weg von den frühen Jahren in der Künstlergruppe Brücke bis in das Spätwerk nach 1945 nachzeichnet.

Ein kurzer Blick auf den Künstler

Max Pechstein (1881–1955), in Zwickau geboren, entstammte einer Arbeiterfamilie und begann seine Laufbahn als Dekorationsmaler. Nach seiner Ausbildung an der Kunstgewerbeschule und der Dresdner Akademie wurde er 1906 Mitglied der Künstlergruppe „Brücke“, wo er eine zentrale Rolle in der Entwicklung des deutschen Expressionismus einnahm. Seine Werke verbinden kraftvolle Farbigkeit, exotische Motive und eine unmittelbare, emotionale Bildsprache.

Was Expressionismus bedeutet

Der Begriff „Expressionismus“ leitet sich von expressio – „Ausdruck“ – ab. Im Zentrum steht nicht die äußere Realität, sondern das Innere des Künstlers: Gefühle, Wahrnehmungen, seelische Zustände. Zu den bedeutenden Vertretern zählen u. a. Kandinsky, Marc, Macke, Munch, van Gogh und Gauguin. Der Expressionismus entstand als Gegenbewegung zu Impressionismus und Naturalismus – und Pechstein war einer seiner prägendsten Stimmen.

Die Ausstellung im Lentos

Die Retrospektive zeigt Pechstein nicht nur als Maler, sondern auch im Spannungsfeld von Förderung, Vermarktung und künstlerischer Selbstbehauptung – besonders sichtbar in seiner komplexen Beziehung zum Galeristen Wolfgang Gurlitt. Förderung und Abhängigkeit, Erfolg und Konflikt: Diese Dynamik zieht sich wie ein roter Faden durch Pechsteins Karriere.

Mich persönlich faszinierten besonders die Werke seiner Südseereise und späteren Aufenthalte an der Ostsee. Diese Bilder tragen eine farbliche Intensität, die sofort berührt.

Max Pechstein, Abend im Hafen von Leba, 1951. Öl auf Leinwand. LENTOS Kunstmuseum Linz. Ein spätes Werk voller Licht, Bewegung und mediterraner Farbenergie – Boote, Wasser und Himmel verschmelzen zu einem vibrierenden Küstenmoment.

„Abend im Hafen von Leba“ (1951)

Ein tiefes, vibrierendes Blau dominiert die Szene. Grün‑Gelb‑Töne und die untergehende Sonne schaffen eine Atmosphäre zwischen Ruhe und Bewegung. Die Boote spiegeln sich im Wasser, und beim näheren Hinsehen meint man fast, die Wellen gegen die Rümpfe schlagen zu hören.

Max Pechstein, Unterhaltung, o. J. Öl auf Leinwand. LENTOS Kunstmuseum Linz. Ein intimer Moment im Freien – drei Figuren im Gespräch, begleitet von einem Hund. Ein Blick auf Pechsteins menschliche, warme Seite.

„Abschied am Abend“ (1950)

Fischer und Frauen am Strand, vielleicht nach einem langen Tag. Wieder diese kräftigen Farben – Blau, Gelb, das Licht am Horizont. Der Strand spiegelt sich im Wasser, und man spürt die Stimmung eines Moments, der vergeht und doch bleibt.

„Am Garder See“ (1924)

Ein Werk voller Ruhe: tiefes Blau, Schilf, Landschaft, ein grauer Sonnenkreis, der dennoch strahlt. Man spürt, wie sehr Pechstein in der Natur aufging – umgeben von Wasser, Licht und Weite. Ein Blick, den er unbedingt festhalten musste.

Biografische Brüche

Pechstein erlebte nicht nur künstlerische Höhen, sondern auch schwere Einschnitte: Internierung im Ersten Weltkrieg, Geldnot, erzwungene Rückkehr aus der Südsee, später Kriegsdienst. In der NS‑Zeit wurden über 500 seiner Werke als „entartet“ beschlagnahmt, viele gingen verloren oder wurden zerstört.

Die Ausstellung zeigt neben Gemälden und Grafiken auch Fotografien, Briefe, Holzstöcke, Malutensilien und die Reisetagebücher von Max und Lotte Pechstein – Dokumente, die auch die kolonialen und rassistischen Sichtweisen ihrer Zeit sichtbar machen.

Zum Ausklang

Pechstein nimmt innerhalb der deutschen Avantgarde eine zentrale Rolle ein. Die Retrospektive im Lentos vereint Schlüsselwerke aus allen Schaffensphasen und legt einen besonderen Fokus auf seine Beziehung zu Wolfgang Gurlitt, dem Gründer der Vorgängerinstitution des Lentos.

Diese Ausstellung ist auf jeden Fall einen Besuch wert.

LEHÁR FESTIVAL BAD ISCHL 2026 – Operette im Höhenflug – Ein Festival zwischen Tradition, Glanz und neuen Operettenimpulsen.

Offizielles Sujet des Lehár Festivals Bad Ischl 2026 – Operette zwischen Tradition, Humor und sommerlicher Leichtigkeit.

65 Jahre Operette – ein Jubiläumssommer voller Klassiker

2026 feiert das Lehár Festival Bad Ischl sein 65‑jähriges Bestehen – und damit eine Kunstform, die bis heute nichts von ihrer Strahlkraft verloren hat. Nach dem großen Strauss‑Jubiläum im Vorjahr widmet sich dieser Sommer erneut der Operette in all ihren Facetten: mit Meisterwerken, Wiederentdeckungen und einem Programm, das Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch bringt.

Drei Operetten – drei Welten

Der Jubiläumssommer präsentiert drei große Produktionen, die jeweils eine eigene Farbe in die Operettenlandschaft bringen.

BOCCACCIO

Operette von Franz von Suppé Premiere: 11. Juli 2026, Kongress & TheaterHaus Bad Ischl

Franz von Suppés „Boccaccio“ ist ein Feuerwerk aus Witz, Tempo und musikalischer Raffinesse. Das mittelalterliche Florenz steht Kopf: Der Dichter Boccaccio bringt mit seinen freizügigen Novellen die ehrwürdigen Herren der Stadt zur Weißglut, während die Damenwelt seinem Charme nur allzu gerne verfällt. Eine Operette voller Schwung, Humor und melodischer Höhepunkte.

GRÄFIN MARIZA

Operette von Emmerich Kálmán Premiere: 18. Juli 2026, Kongress & TheaterHaus Bad Ischl

Allein der Titel verspricht ungarisches Flair, große Gefühle und musikalische Opulenz. Kálmáns „Gräfin Mariza“ verbindet Sentiment, Humor und Csárdás‑Feuer zu einem der beliebtesten Klassiker des Genres. Ein Abend voller Evergreens, Leidenschaft und Operettenzauber in Rot‑Weiß‑Grün.

DER GÖTTERGATTE

Operette von Franz Lehár Premiere: 14. August 2026, Kongress & TheaterHaus Bad Ischl

Eine echte Rarität im Repertoire: Lehárs „Göttergatte“ ist eine humorvolle, leichtfüßige Operette, die sich mit einem Augenzwinkern der griechischen Mythologie bedient. Gottvater Jupiter mischt sich – inkognito – unter die Sterblichen, nur um am Ende selbst in amouröse Verwicklungen zu geraten. Ein charmantes, selten gespieltes Juwel aus dem Jahr 1904.

Mehr als Operette – ein Festprogramm zum Jubiläum

Zum 65‑jährigen Bestehen bietet das Festival ein umfangreiches Rahmenprogramm:

  • Galakonzert „Ein Hoch der Operette!“
    1. Juni 2026, 20:00 Uhr, Kongress & TheaterHaus Moderation: Intendant Thomas Enzinger
  • Zwei Matineen über Komponistinnen und die Diven der Zwischenkriegszeit
  • Ein neues Schlagerprogramm von und mit Susanne Marik
  • Ein Symposium zur Operette
  • Kinderaufführung von „Boccaccio“
  • Eine Ausstellung zu Dichter Boccaccio und Suppés Meisterwerk

Bad Ischl bleibt damit, was es seit Jahrzehnten ist: ein Zentrum der sommerlichen Operettenkultur, ein Ort, an dem Tradition und Gegenwart einander begegnen.

Pressekonferenz zum Lehár Festival Bad Ischl 2026 im OÖ Presseclub – Programmvorstellung, Ausblick und ein starkes Team hinter Europas größtem Operettenfestival. Foto: © Christa Linossi 2026

Schlussgedanken

Auch wenn die diesjährige Pressekonferenz kurz und unspektakulär ausfiel – das Programm selbst verspricht einen abwechslungsreichen, festlichen Operettensommer. Wer Operette liebt, kommt 2026 in Bad Ischl auf seine Kosten.

HAND.WERK.STADT 2026 – Zwischen Tradition, Technik und verborgenen Räumen der Stadt

Plakat der HAND.WERK.STADT in der Salzburger Altstadt. Foto: (c) Christa Linossi 2026

Die HAND.WERK.STADT, heuer bereits in ihrer 11. Ausgabe, verwandelte vom 15. bis 25. April 2026 die Salzburger Altstadt erneut in ein lebendiges Schaufenster handwerklicher Kultur. In einer Zeit, in der Digitalisierung und künstliche Intelligenz immer stärker in den Alltag drängen, zeigt dieses Format eindrucksvoll, dass es Bereiche gibt, in denen menschliche Präzision, Erfahrung und Materialkenntnis unersetzbar bleiben. Eine KI kann ein Brotrezept liefern – aber nicht den Duft, die Handgriffe, die Wärme. Genau hier beginnt Handwerk.

Handwerk in der Altstadt – gelebte Nachhaltigkeit

Das Altstadtverband Salzburg setzt seit Jahren auf die Sichtbarkeit jener Betriebe, die mit Tradition, Reparaturkultur und ressourcenschonenden Methoden arbeiten. Nachhaltigkeit ist hier kein Schlagwort, sondern gelebte Praxis: Der Schirmmacher fertigt aus alten Sonnenschirmen Badetaschen, aus Holzresten entstehen Schlüsselanhänger, die Handweberei verwandelt Stoffreste in farbenfrohe Teppiche. So leisten die Handwerker:innen der Altstadt einen wichtigen Beitrag zur „klimaneutralen Stadt 2040“.

Ein Blick in die grafische Werkstatt im Traklhaus

Große Tiefdruckpresse in einer Werkstatt mit Drucktisch, Walze und typischen Materialien der Druckgrafik.
Copyright: Foto: Christa Linossi

Mein persönlicher Schwerpunkt führte mich in die grafische Werkstatt im Traklhaus, ein Ort, der seit 1945 als offenes Atelier für klassische Druckgrafik besteht. Im Rahmen eines Workshops konnten Besucher:innen in die Welt des Tiefdrucks eintauchen. Künstler Jöran Möller gab eine präzise Einführung in eines der ältesten Druckverfahren.

Tiefdruck – ein Spiel aus Druck, Vertiefung und Farbe

Beim Tiefdruck liegen die druckenden Stellen vertieft in der Platte. Die Vertiefungen werden eingefärbt, die Oberfläche sorgfältig gereinigt, und unter hohem Druck entsteht der Abdruck. Die Teilnehmer:innen arbeiteten konzentriert an ihren Kupferplatten, ritzen Linien, suchten Motive, experimentierten. Ich selbst verließ den Raum bald wieder – Herr Möller hatte mich als Journalistin vorgestellt, und ich wollte die Gruppe nicht unnötig nervös machen.

Ein persönlicher Exkurs: Lithografie

Obwohl im Workshop nicht angeboten, gehört die Lithografie zu jenen Techniken, die mich seit Jahren faszinieren. Ich habe sie selbst einmal erlernt – ein heikles, hochpräzises Verfahren, das auf einem einfachen chemischen Prinzip beruht: Wasser und Fett stoßen einander ab. Der Solnhofener Lithostein, seine Härte, seine Porosität, die Zeichnung mit fetthaltigen Stiften, das Ätzen, das Einfärben – all das verlangt Genauigkeit, Geduld und ein tiefes Verständnis für Material und Prozess. Vielleicht gerade deshalb begleitet mich diese Technik bis heute.

DENKMAL EINBLICK – Ein Haus mit vielen Leben

Mein zweites Ziel führte mich in die Steingasse 24, im Rahmen der Kooperation DENKMAL EINBLICK mit dem Bundesdenkmalamt. Anlässlich des Welterbetags öffnete sich ein Haus, das mehr Geschichte in sich trägt, als seine schmale Fassade vermuten lässt.

Fassade des „La Maison“ in der Steingasse – derzeit noch verhüllt. Foto: (c) Christa Linossi 2026

Vom mittelalterlichen Handwerkerhaus zum „Maison de Plaisir“

Das spätmittelalterliche Bürgerhaus war einst ein Lederer- oder Weißgerberhaus – die Nähe zur Salzach war essenziell. Über das 19. und 20. Jahrhundert hinweg wurde es als Bordell unter dem Namen „Maison de Plaisir“ geführt. Seit Corona stand es leer, vergessen, ungewollt.

Nun wird es vom Besitzer der Steinterrasse zu einem Boutiquehotel umgebaut. Bei der Restaurierung kamen wertvolle spätmittelalterliche Holzdecken zum Vorschein, dendrochronologisch auf 1471/1473 datiert. Der Architekt erzählte, dass die Pläne fünfmal umgeworfen werden mussten – zu viele Überraschungen, zu viele historische Befunde, zu viele technische Herausforderungen in einem Haus, das künftig digital geführt wird.

Ein Haus voller Enge, Geschichte und Widersprüche

Die Räume sind klein, die Stiegen steil und eng – Fluchtwege? Fehlanzeige. Man kann sich kaum vorstellen, wie hier einst Handwerk betrieben wurde, geschweige denn das spätere Bordellleben. Grotesk fast: Gleich nebenan befindet sich das renommierte Trachtenhaus Lanz.

Am Ende entstehen fünf modern ausgestattete Zimmer, gefrühstückt wird auf der Steinterrasse. Ein Haus, das viele Leben hatte – und nun ein neues beginnt.

Fazit

HAND.WERK.STADT 2026 bot heuer eine spannende Mischung aus traditionellem Handwerk, historischen Einblicken und künstlerischen Techniken. Vom offenen Atelier im Traklhaus bis zum verborgenen spätmittelalterlichen Bürgerhaus in der Steingasse – Salzburg zeigte einmal mehr, wie vielschichtig seine Handwerks- und Kulturgeschichte ist.

Die Kunst der Versöhnung – Spielzeit 2026/2027 am Landestheater Salzburg

Sujets Spielzeitheft 2026/2027 (c) SLT / Tobias Witzgall

Die Kunst der Versöhnung

Im April 2026 präsentierte das Landestheater Salzburg seinen neuen Spielplan für die Saison 2026/2027 – unter dem programmatischen Titel „Die Kunst der Versöhnung“. Ein Motto, das bewusst einen Raum jenseits des Lärms der Welt öffnen möchte: einen Ort, an dem Spannung und Entspannung, Konflikt und Annäherung gemeinsam erlebt und reflektiert werden können.

Doch was bedeutet eigentlich Versöhnung? Für mich ist es der Moment, in dem nach Konflikt, Verletzung oder innerer Zerrissenheit wieder Frieden möglich wird – ein Prozess, der Empathie, Mut und den Willen zu einem Neubeginn erfordert.

Und genau hier beginnt meine Frage: Wo findet man Versöhnung im Theater?

OPER – TOSCA

Premiere: 31. Oktober 2026 / Großes Festspielhaus

Puccinis „Tosca“ gilt als Opernthriller schlechthin – eine Geschichte voller Leidenschaft, Macht, Gewalt und Tod. Versöhnung? Auf den ersten Blick kaum.

Doch das Landestheater setzt einen neuen Akzent: Der Zeichner und Karikaturist Thomas Wizany wird die Aufführung mit live entstehenden Bildern begleiten. Seine Zeichnungen sollen Puccinis Klangwelt visuell erweitern und die Fantasie des Publikums auf neue Weise anregen.

Vielleicht liegt genau darin ein Moment der Versöhnung: in der Verbindung von Musik und Zeichnung, in einem künstlerischen Dialog, der neue Perspektiven öffnet – selbst in einer Oper, die keine harmonische Auflösung kennt.

Wie Wizany etwa die Szene interpretiert, in der Tosca ihren Geliebten Cavaradossi retten will, während Scarpia seine Macht ausspielt, bleibt spannend. Vielleicht ist die Versöhnung hier nicht in der Handlung zu finden, sondern im Erleben, im Nachdenken, im künstlerischen Prozess.

Sujets Spielzeitheft 2026/2027 © SLT / Tobias Witzgall

SCHAUSPIEL – SCHACHNOVELLE

Premiere: 21. November 2026 / Landestheater

Auch Stefan Zweigs „Schachnovelle“ scheint auf den ersten Blick wenig mit Versöhnung zu tun zu haben. Ein harmloses Schachspiel wird zur psychologischen Abgrunderkundung – zur Metapher für Isolation, Machtmissbrauch und seelische Zerrissenheit im Nationalsozialismus.

Regisseurin Alexandra Liedtke interpretiert das Schachbrett als Sinnbild der Welt: Jede Handlung provoziert eine Reaktion, jede Figur ist gefangen in einem System aus Zwang und Gegenzug. Eine musikalische Ebene bildet das Gegengewicht – sie erzählt von innerer Flucht, emotionaler Überforderung und dem Versuch, sich selbst zu retten.

Versöhnung? Vielleicht nicht im klassischen Sinn. Aber im Verstehen, im Erkennen, im Aushalten.

JUNGES LAND – RENNSCHWEIN RUDI RÜSSEL

Österreichische Erstaufführung: 3. November 2026 / Landestheater

Hier zeigt sich die Versöhnung im Alltag: humorvoll, warm, menschlich. Das Familienstück nach dem bekannten Kinderbuch erzählt von Zusammenhalt, erster Liebe und dem Umgang mit Extremismus-Erfahrungen – verpackt in die turbulente Geschichte eines Schweins, das plötzlich Teil einer Stadtfamilie wird.

Ein Stück, das zeigt: Versöhnung beginnt oft im Kleinen – im Miteinander, im Lachen, im Mut, anders zu sein.

Tschitti Tschitti Bäng Bäng: Tschitti Tschitti Bäng Bäng (c) SLT

MUSICAL – TSCHITTI TSCHITTI BÄNG BÄNG

Premiere: 5. Dezember 2026 / Landestheater

Ein Klassiker voller Fantasie, Abenteuer und Herz. Der exzentrische Erfinder Caractacus Potts verwandelt ein altes Auto in ein Wunderfahrzeug, das fliegen, schwimmen und träumen kann. Die Musik der Sherman‑Brüder, bekannt aus dem Film von 1968, trägt die Geschichte mit Leichtigkeit und Humor.

Vielleicht liegt die Versöhnung hier in der Fantasie: in der Möglichkeit, die Welt für einen Moment anders zu sehen – leichter, spielerischer, hoffnungsvoller.

FAZIT – DIE KUNST DER VERSÖHNUNG

Der Spielplan 2026/2027 zeigt: Versöhnung ist kein einfaches Thema. Sie ist nicht immer sichtbar, nicht immer erzählerisch eingebaut, nicht immer harmonisch. Manchmal ist sie ein Prozess, manchmal ein Gedanke, manchmal ein Gefühl, das erst im Publikum entsteht.

Das Landestheater lädt dazu ein, sich auf diese Suche einzulassen – in Oper, Schauspiel, Musical, Ballett und Jungem Land.

Versöhnung beginnt im Kleinen. Vielleicht finden wir sie gemeinsam – im Theater, im Alltag, in einer Welt, die sie dringend braucht.

Burg Hohenwerfen – Geschichte über dem Salzachtal

Burg Hohenwerfen über dem Salzachtal – Foto: © Christa Linossi, 2026

Zum Saisonstart im April 2026 eröffnet die Burg Hohenwerfen zwei neue Ausstellungen im historischen Zeughaus: „BURGZEITEN“ und „DER AUFSTAND“. Ich war zur Vernissage eingeladen – ohne zu wissen, ob ich darüberschreiben würde. Nun, ich tue es.

Ankunft – ein Tag, der schon im Licht beginnt

Die Sonne stand strahlend über dem Salzachtal, als ich Richtung Werfen fuhr. Burg Hohenwerfen ist für mich kein unbekannter Ort – und doch beeindruckt mich ihr Anblick jedes Mal aufs Neue. Wenn man von Tenneck her kommt und die Burg sich vor der Kulisse der Eisriesenwelt erhebt, wirkt sie wie ein stiller Wächter über dem Tal.

Eigentlich wollte ich vom Parkplatz aus noch ins Dorf hinuntergehen, verfehlte jedoch den Weg und landete auf dem Pfad, der direkt zur Burg führt. Ein glücklicher Irrtum. Mit der Eisriesenwelt im Blick und dem leichten Anstieg unter den Füßen wurde der Weg selbst schon zum Auftakt.

Ein unerwarteter Führer

Oben angekommen, suchte ich nach dem Ort der Vernissage. Ein junger Mann, offensichtlich Mitarbeiter der Burg, kam mir entgegen. Er stellte sich als Burgführer vor – und als ich mich als Journalistin outete, bot er spontan an, mir einige Räume zu zeigen. Er hatte gerade keine Führung. Ich nahm dankbar an.

Seine kleine Privatführung war ein Geschenk:

  • die Bronzeglocke des Innsbrucker Meisters Hans Christoph Löffler, deren Transport einst fast ein Jahr dauerte – Inn abwärts, Salzach aufwärts, über den Pass Lueg nach Werfen
  • das Uhrwerk von 1720/25, ursprünglich eine Spindeluhr, später unter Erzherzog Eugen zur Pendeluhr umgebaut
  • eine Originaltür aus dem 16. Jahrhundert im Fürstenzimmer
  • das romanische Fresko des Werfener Ritters in der Burgkapelle
  • und Anekdoten über Filme, die hier gedreht wurden
Originaltür aus dem 16. Jahrhundert im Fürstenzimmer – Foto: © Christa Linossi, 2026
Romanisches Fresko des Werfener Ritters in der Burgkapelle – Foto: © Christa Linossi, 2026

Ich hatte bereits eine Fülle an Eindrücken gesammelt – noch bevor ich die Ausstellungen überhaupt betreten hatte.

AUSSTELLUNG 1: BURGZEITEN

Eine facettenreiche Reise durch fast ein Jahrtausend

Die Ausstellung führt durch die wechselvolle Geschichte der Burg – vom Hochmittelalter bis in die frühe Neuzeit. Ein „Rad der Zeit“ ermöglicht es den Besucher:innen, entlang eines Zeitstrahls durch die Epochen zu navigieren und überraschende Fundstücke zu entdecken.

Einige markante Stationen:

  • 1070 – Hochmittelalter Erzbischof Gebhard von Salzburg errichtet die erste Burg zur Sicherung des Salzachtals. Unter Konrad von Abenberg wird sie Verwaltungs- und Gerichtszentrum des Pongau.
  • 1525–1586 – Umgestaltung zur Festung Die Burg dient als Landesgefängnis. Politische Gefangene verbringen hier teils viele Jahre.
  • 1618–1648 – Dreißigjähriger Krieg Erzbischof Paris Lodron verstärkt Hohenwerfen und Hohensalzburg mit mächtigen Vorbauten.
  • 1898–1938 – Fürstenresidenz Erzherzog Eugen kauft die Burg und gestaltet sie zu einer prunkvollen Residenz um.
  • 1945–1987 – Gendarmerieschule Nach dem Krieg wird Hohenwerfen Ausbildungsstätte der Landesgendarmerie, bevor der Ausbau zur touristischen Attraktion beginnt.

Die Ausstellung macht die Geschichte nicht nur sichtbar, sondern erlebbar.

Aufruhr in den Alpen – Der Salzburger Bauernkrieg

Die Burg im Salzburger Bauernkrieg 1525/26

Die zweite Ausstellung im Obergeschoss widmet sich einem dramatischen Kapitel der Regionalgeschichte: dem Salzburger Bauernkrieg.

Ausstellungsansicht zum Bauernaufstand in Werfen – Foto: © Christa Linossi, 2026

Bauern aus dem Pongau und Bergknappen aus dem Gasteiner Tal erhoben sich gegen Fürsterzbischof Matthäus Lang. Die Burg fiel zeitweise in die Hände der Aufständischen; adelige Geiseln wurden hier bis zum „Friedensschluss“ im Sommer 1525 festgehalten. Das Erzstift Salzburg geriet an den Rand seiner politischen Existenz.

Darstellung einer Figur im Kontext des Bauernaufstands – Foto: © Christa Linossi, 2026

Eine multimediale Installation lässt die Aufständischen selbst zu Wort kommen und ergänzt die überlieferte Siegergeschichte um neue Perspektiven. Die Ausstellung lädt ein, über Menschenrechte, Machtverhältnisse und Demokratiebewegungen nachzudenken – Themen, die bis heute relevant sind.

BURG HOHENWERFEN – Ein Erlebnisraum

Die Erlebnisburg Hohenwerfen thront hoch über dem Salzachtal und zählt zu den eindrucksvollsten historischen Anlagen Salzburgs. Neben den Ausstellungen lohnt sich ein Besuch des Landesfalkenhofs (seit 1994), wo Greifvögel ihre Kreise ziehen und Besucher:innen ihnen ganz nah kommen können.

Und dann dieser Ausblick: Die umliegenden Berge, das Tal, die Weite – ein Genuss für große und kleine Gäste.

Weitere Informationen: http://www.erlebnisburg-hohenwerfen.at