
Fenster im Fels: Warnsignale einer Landschaft

Ich sitze auf meinem Balkon und blicke hinauf zum Untersberg. Ein stiller Riese, der seit Tagen mein Begleiter ist, während ich krank zu Hause bin. Vielleicht ist es genau diese Ruhe, die mich zurück zu meinen Arbeiten von 2014 geführt hat — zu Bildern, die damals intuitiv entstanden und heute wie Warnsignale wirken. Berge schweigen. Aber manchmal erzählen sie mehr, als wir hören wollen.
Der Berg war immer schon mein Thema. Vielleicht, weil er steht, während wir uns verändern. Vielleicht, weil er Linien trägt, die Geschichten erzählen: Risse, Schichtungen, Abbrüche, steil abfallende Flanken und flächige Ruhe. 2014 habe ich zwei experimentelle Fotomontagen geschaffen, ohne damals genau zu wissen, warum ich große Fenster in den Fels gesetzt habe. Heute, zwölf Jahre später, sehe ich es deutlicher.
Die Bischofsmütze in Filzmoos ist ein Berg mit Vergangenheit. 1993 brach eine rund 100 Meter breite Felswand von der Ostseite ab. Seither kommt es immer wieder zu Nachstürzen. Der Berg ist ein Körper, der seine Verletzungen nicht verbirgt. In meiner ersten Arbeit wirkt er, als würde er in sich absinken — ein Echo von Klimaveränderungen, Erosion, Zeit.
Die zweite Arbeit zeigt denselben Berg, aber aus einer anderen Perspektive: Die Fensterflächen sind hier noch deutlicher als Fremdkörper sichtbar. Sie schneiden geometrisch in die organische Struktur des Felsens, als wären sie Implantate. Die Architektur wirkt transparent und gleichzeitig massiv, ein Spiegel, der den Berg zurückwirft. Die Linien des Felsens laufen in die Linien der Glasflächen — ein Dialog zwischen Natur und Konstruktion, zwischen Jahrmillionen und menschlichem Zugriff.
Warum also Fenster im Fels? Vielleicht, weil der Mensch jeden Millimeter Natur nutzt, bebaut, erschließt. Vielleicht, weil wir uns Räume schaffen, wo eigentlich keine sein sollten. Vielleicht, weil wir den Berg betrachten — und übersehen, dass er längst zurückblickt.
Die Verglasungen wirken wie Augen. Wie Warnsignale. Wie Schnittstellen zwischen Natur und menschlichem Zugriff. Das Fenster unterhalb zeigt einen Blick, der nicht unserer ist: Der Berg sieht durch die Scheibe. Oder fordert er uns auf, genauer hinzusehen?
Während meiner Recherche wurde mir bewusst, wie lange Berge existieren, bevor wir sie besteigen, verunstalten, erschließen. Gebirge entstehen durch tektonische Kräfte, Vulkanismus, Erosion — Prozesse über Millionen von Jahren. Und wir setzen Seilbahnen darauf, als wären sie Kulissen.
Heute, 2026, bekommen wir die Rechnung präsentiert. Die Natur braucht uns nicht. Aber wir brauchen sie.
Vielleicht ist es genau das, was meine beiden Arbeiten ausdrücken — damals intuitiv, heute klar.




























