„Was ist noch Wirklichkeit, was ist schon Traum?“

Salzburger Festspiele 2022 Neueinstudierung

DIE ZAUBERFLÖTE

Terrassentalk mit:

Maurice Lenhard (Dramaturgie) im Gespräch mit Joana Mallwitz (Musikalische Leitung) und Lydia Steier (Regie)

von li nach re: Maurice Lenhard (Dramaturgie) Joana Mallwitz (Musikalische Leitung) und Lydia Steier (Regie) Foto: Christa Linossi

Fangen wir gleich mal mit einer Frage an: „Was ist der Unterschied zwischen Dramaturgen und Regisseur? Während der Regisseur also die künstlerische Leitung innehat, ist der Dramaturg Vermittler zwischen der Bühnenkunst und den weiteren organisatorischen Aufgaben am Theater.

So diese Frage ist einmal geklärt und nun zu dem interessanten Terrassentalk zur Neueinstudierung DIE ZAUBERFLÖTE.

Maurice Lenhard (Dramaturgie): Die Zauberflöte wurde 2018 zu den Salzburger Festspielen aufgeführt und nach ein paar Jahren können wir nochmal auf eine Produktion schauen. Das Genre, damit auch lebendig zu halten und das Stück neu zu inszenieren und zu hinterfragen, was erwartet uns hier im Gegensatz zu 2018?

Lydia Steier (Regie): Es ist eine Neueinstudierung zu Inszenierung von 2018. Es ist alles andere als das Gleiche. Die Grundkonstellation bleibt und es ist auch der Ausgangspunkt die vom Großvater erzählte Familiengeschichte, an seine 3 Enkelkinder. Das Haus für Mozart ist die neue Spielstätte und ist eine andere Version als im Zirkuszelt und hier ist auch die Überlegung zu einem komplett anderen Raumkonzept. Das geniale Bühnenbild von Katharina Schlip ermöglicht es auch, zwei Drehscheiben auf der Bühne ineinander zu drehen und es entsteht so eine Art Labyrinth aus diesem bürgerlichen Haus und so können wir immer tiefer in die Erzählung eintauchen – vergleichbar mit Alice im Wunderland, die durch verschiedene Türen immer neue Welten und Perspektiven entdeckt. Wir sind Markus Hinterhäuser für die Möglichkeit, die Oper unter neuen Bedingungen inszenieren zu können, sehr dankbar.

Maurice Lenhard: Die Zauberflöte wird eine große Herausforderung auf beiden Seiten Regie wie musikalisch. Frage an Joana wie geht man an ein Stück heran, das so bekannt und so viel gespielt wurde wie dieses und nun zu einer Neuneinstudierung kommt? Was hast du in einem Interview einmal gesagt? Für dich ist die Musik von Mozart wie ein Papierflieger, mit dem man fliegen lernen muss.

Joana Mallwitz (Musikalische Leitung):  Das Prinzip einer völligen Neubefragung trifft auch auf musikalischer Ebene zu. Die Zauberflöte ist wohl die meistinterpretierte und meisthinterfragte Oper und auch ich muss gestehen, dass ich mich erst einmal vom Blick auf bestimmte Traditionen freimachen musste.

Beispiel Papierflieger: hier muss auch das Format stimmen, jede Faltung muss exakt geglättet sein, damit er abheben kann und so ähnlich ist es bei Mozart Partituren, es reicht nicht, einfach auf die Noten zu schauen. Die allerhöchste Kunst besteht darin, zu sehen, wie beispielsweise Akzente und Tempoübergänge geformt sind, dass es wie ein perfekter Papierflieger ist, der einfach fliegt. Das ist für mich die Musik von Mozart.

Maurice Lenhard: 2018 passierte schon sehr viel auf der Welt. Mittlerweile wurde die unruhige Situation auf der Welt zu einem Aufruhr. Lydia in deiner Inszenierung geht es nie explizit um ein politisches Tagesgeschehen und doch setzt du dich ganz klar damit auseinander. Was unsere großen Fragen und Ängste zurzeit sind und wie setzt du diese in deiner Arbeit um?

Lydia Steier: Auf szenischer Ebene hatten sich natürlich auch die weltweiten Veränderungen seit 2018 ausgewirkt. Wir leben in einer Zeit, wo eigentlich das Wort „Frieden“ irgendwie am Ast schon am „faulen“ ist. Schon damals hatten wir den Blick auf eine Welt gerichtet, in der Kriege und anderes Elend vorgekommen sind. Die Jahreswende 1912/1913 war der Punkt, am dem wir standen, seitdem haben wir alle einen anderen Blickwinkel, wir haben alle etwas verloren – im günstigsten Fall nur Zeit und Geld, im schlimmsten Fall einen Menschen oder Gesundheit. Unsere Augen und auch die Augen der Sänger sehen es anders. Was vorher prognostiziert wurde, ist Wahrheit geworden.

Wir haben das Glück, ein junges Team zu haben, das sich engagiert und sich mit aktuellen Themen auseinandersetzt, nicht nur mit dem Thema Krieg, sondern beispielweise auch mit der Frage: ist die Rolle der Pamina frauenfeindlich? Man muss der neuen Generation erklären, was die Welt für sie bereithält – nicht nur im Hauptkonflikt des Stücks zwischen Sarastro und der Königin der Nacht, sondern auch mit Blick auf externe Konflikte.

Maurice Lenhard: Die Zauberflöte nimmt immer wieder einen besonderen Platz in unserem Schaffen ein und wir stellen uns wieder die Frage, wenn sich Mozart mit etwas neuem auseinandergesetzt hat, ist er wirklich bis auf den Grund gegangen? Wie geht man mit so einer offenen Form von Singspiel um? Wie ist die Funktion der hinzu erfundenen, von Roland Koch verkörperten Erzählerfigur des Großvaters?

Joana Mallwitz: Aspekt, es muss intensiv an der fließenden Grenze zwischen gesprochenem und gesungenem Text gearbeitet werden. Die Zauberflöte ist voller Rätsel, auf die es keine Antworten gibt. Dennoch ist es wichtig, die Reichweite der Themen aus der Perspektive dazustellen. Die Rolle von Roland Koch ist spannend – genau im Hinblick auf das, worauf wir hinarbeiten. Die Geschichte wird erzählt, der Zuhörer wird in sie hineingezogen.

Lydia Steier: Der Großvater ist nicht nur irgendeine Figur, er ist vielleicht sogar die zentrale Figur, er sieht Tamino als junges Abbild von sich selbst. Im Esszimmer hängt ein großes Porträt von Pamina als verstorbene Großmutter, die Kinder sehen in ihr die Prinzessin, gleichzeitig blickt der Großvater mit leidenschaftlicher Nostalgie auf die Frau, die er geliebt hat.

Maurice Lenhard: Wie ist die gemeinsame klare Zielsetzung zwischen Musikalischer Leitung und Regie zu einer guten Oper?

Lydia Steier: Joana und ich haben starke Ideen mit einem klaren Blick auf das Ganze. Die Inszenierung muss das Rückgrat der Musik sein. Im Hinblick auf das künstlerische Miteinander macht die Zusammenarbeit sehr viel Spaß. Als Wirkung der Inszenierung wünsche ich mir, dass sie nachhallt, dass der Zuschauer sich daran erinnert, dass er die Reise mit uns machte und mit der Zeit durch eine neue Perspektive sieht.

Joana Mallwitz: Beides muss Hand in Hand gehen, bei Mozart noch mehr: in dem Moment, in dem man eine Phrase singt, muss alles stimmen. Da merkt jeder Zuhörer sofort: stimmt der Impuls oder nicht. Worum gehe es, es ist ein frischer Blick, der vom Notenbild weggeht und am Ende jeder Note mit der Zielrichtung befragt „Warum stehst du da“?

Joana Mallwitz, Musikalische Leitung, Lydia Steier, Regie, Die Zauberflörte, Terrassentalk, Salzburger Festspiele, 20220706, (c) wildbild

Premiere: Samstag, 30. Juli 2022, 18:30 im HAUS FÜR MOZART