
Manchmal stolpert man in etwas hinein, das einen unvermittelt trifft. So ging es mir, als ich – zu früh dran, wartend auf eine Freundin – in die Stadtgalerie Rathaus Salzburg trat. Ein Plakat kündigte einen Künstler an, dessen Name mir bis dahin nichts sagte: Florian Köhnlein. Sekunden später stand ich mit offenem Mund da. Ein leises, aber tiefes Wow.
Totentänze ohne Schrecken – eine stille, existenzielle Wucht

Die Ausstellung trägt den Titel „Totentänze und andere Wesen“. Ja, es geht um den Tod – aber nicht um den makabren, nicht um den schockierenden. Köhnlein zeigt Skelette, die sich in knochigen Armen halten, miteinander tanzen, ein Glas heben oder einfach beieinander sitzen. Es ist ein Totentanz, der nicht erschreckt, sondern erinnert: an Vergänglichkeit, an Gleichheit, an das, was bleibt, wenn alles Äußere fällt.
„Geklebte Materialien bringen eine vorgegebene Struktur mit. Ich muss sie nur noch betonen.“ Über Material, Collage und das Erbe seines Vaters
Das Material überrascht: einfaches Packpapier, geformt, geschichtet, geklebt. Kein Glas vor den Werken – bewusst. Spiegelungen würden die Präsenz stören. So stehen die Figuren offen im Raum, verletzlich und direkt.
Arbeiten aus dem Inneren – Impuls statt Konzept
Köhnlein beschreibt seinen Ausgangspunkt als etwas, das schwer zu benennen ist. „Innerer Impuls“ trifft es wohl am ehesten. Zeichnen ist für ihn eine Form des Denkens, eine Sprache, die näher an seinem Wesen liegt als Worte.
„Nur weil wir Augen haben, können wir noch lange nicht sehen.“ Ein Satz, der sein gesamtes Werk durchzieht
Natur, Tierwelt, Licht, Rhythmus – all das liefert ihm Struktur. Seine Werke entstehen aus diesem genauen, geduldigen Sehen.
Die Gegenwart, der Tod und die Frage nach dem Wesentlichen
Köhnlein ist 61. Und er sagt offen, dass er unsere Zeit als die beunruhigendste seines Lebens empfindet.
„Die Menschheit dreht gerade völlig durch. Superreiche wollen den Tod überwinden oder zumindest vergessen.“
Der Tod ist für ihn kein Tabu, sondern ein Schlüssel:
„Das Mysterium des Lebens ist nur über die Auseinandersetzung mit dem Tod zu verstehen.“
Eine Krebserkrankung in jungen Jahren hat diese Haltung geprägt. Der Tod ist für ihn kein Ende, sondern ein Gleichrichter.
Japanische Reduktion – und die Kunst, das Wesentliche zu lassen

In vielen Arbeiten spürt man eine japanisch anmutende Klarheit. Hokusai, Hiroshige – sie begegneten ihm früh. Format, Positionierung, Reduktion: alles bewusst, aber nicht verkopft.
Die grafischen Arbeiten – Tiere, Vogelnester, Blicke – wirken minimalistisch und gleichzeitig intensiv. Die Augen spielen eine zentrale Rolle: ob Totenkopf, Vogel oder Tierwesen – sie tragen Ausdruck, Haltung, Geschichte.
Der Lehrer, der täglich selbst lernt
Köhnlein unterrichtet Grafik & Medien an der HTL Salzburg. Dort übt er mit seinen Schüler*innen Grundlagen des Sehens und Gestaltens – und gleichzeitig mit sich selbst.
„Der Austausch mit den Schülerinnen eröffnet immer wieder Perspektiven, an die ich selbst noch nicht gedacht habe.“*
Er unterscheidet klar zwischen erlernbaren Grundlagen und individuellem Ausdruck. Diese Haltung spürt man in seinen Werken: Handwerk und Intuition greifen ineinander.

Ein Künstler, den man nicht vergisst
Ich frage mich, warum ich ihn bisher übersehen habe. Er hatte Ausstellungen in Vorarlberg und Salzburg, ist auf Instagram präsent – und doch blieb er mir verborgen, bis ich zufällig in diese Galerie stolperte.

Vielleicht musste es so sein. Vielleicht brauchte es genau diesen Moment, dieses Wow.
Denn eines ist klar: Florian Köhnlein ist ein Künstler, den man sich merken sollte. Nicht laut, nicht auf Vermarktung aus – sondern jemand, der Kunst als Kunst versteht. Und jemand, mit dem man Gespräche führt, die philosophisch werden, ohne schwer zu werden.
Ein Künstler, der Räume öffnet. Und einer, der bleibt.