
Saint François d’Assise – Terrassen‑Talk im Sommerlicht
Es war einer dieser Salzburger Vormittage, an denen die Hitze schon früh über den Terrassen liegt und die Gespräche schwerer wirken als sonst. Die Stadt vibrierte leise, und über allem lag dieses besondere Festspiel‑Summen, das man nicht hört, sondern spürt.
Romeo Castellucci beginnt mit einer Ruhe, die den Raum sofort verändert. Er spricht von einem „Abenteuer“, das er mit diesem Werk teilt – und man merkt, dass es kein leichtes Wort ist. Es ist ein Abschied, ein Weitertragen, ein Dank an Markus Hinterhäuser, dessen Vision diese Produktion noch trägt. Karin Bergmann führt das Festival interimistisch, und Castellucci würdigt sie mit einer Wärme, die selten ist in solchen Gesprächsrunden.

Der Mensch Franziskus
Castellucci interessiert nicht der Heilige mit Nimbus. Er sucht den Menschen, der sich entkleidet, um frei zu werden. Der Körper als Zentrum des Glaubens – eine Idee, die damals wie heute radikal wirkt.
Franziskus, sagt er, habe das Evangelium nicht interpretiert, sondern gelebt. Die Berührung des Aussätzigen – für Castellucci der Moment, in dem Humanismus beginnt. Keine Geste der Frömmigkeit, sondern ein Bruch mit der Ordnung der Welt.
Klangfarben, Vogelrufe, Glaube
Maxime Pascal spricht mit der Gelassenheit eines Mannes, der weiß, wie groß dieses Werk ist. Messiaens Oper ist für ihn ein Universum aus Glauben, Vogelgesängen und Farben. Ein Drittel der vierstündigen Oper besteht aus Vogelstimmen – nicht als Effekt, sondern als spirituelle Sprache.
Die Felsenreitschule wird zum Resonanzkörper: rechts Schlagwerk, links Gamelan, oben Elektronik, im Graben die Philharmoniker. Ein Klangraum, der das Publikum umschließt wie ein Wald.
Der Chor bleibt unsichtbar – weil Christus nicht sichtbar sein soll. Ein Gedanke, der die Stille im Raum kurz dichter macht.
Philippe Sly – Die Rolle als Weg
Philippe Sly spricht nicht über eine Partie, sondern über eine Beziehung. Franziskus ist für ihn mit seinem verstorbenen Lehrer verbunden – ein stiller Faden, der durch seine Worte zieht.
Er beschreibt die Musik als sanft, ergonomisch, fast wie eine Stimme, die sich an die menschliche Sprache anschmiegt. Aber der Weg dorthin ist lang: „Man kann pro Tag nur eine Seite erarbeiten“, sagt er – und man glaubt es ihm sofort.
Mit Pascal verbindet ihn eine Zusammenarbeit, die weit über Proben hinausgeht. Ein ständiges Hinterfragen, ein gemeinsames Ringen um Wahrheit.
Die Szene mit dem Aussätzigen
Für Castellucci ist sie das Herz der Oper. Nicht, weil sie schockiert, sondern weil sie Menschlichkeit radikalisiert. Franziskus küsst keinen „Aussätzigen“, sondern einen Menschen. Ein fragiles Gegenüber. Ein Spiegel.
Die Felsenreitschule
Castellucci liebt diesen Ort. Er erinnert ihn an La Verna, den Berg, an dem Franziskus die Stigmata empfing. Stein, Körper, Klang – alles fügt sich zu einem Raum, der nicht Theater ist, sondern Landschaft.