
Ein Jedermann, der uns näher kommt, als uns lieb ist

Am Obertrumer See beginnt die Sommersaison — und mit ihr öffnet die Seebühne Seeham wieder ihren Vorhang. Am 3. Juli feiert Felix Mitterers „Ein Jedermann“ Premiere, inszeniert von Gerhard Es, der diese Bühne seit vielen Jahren prägt.
Die Naturkulisse spielt wie immer eine Hauptrolle: das glitzernde Wasser, der dunkle Seegrund, der weite Horizont. Davor erhebt sich ein modernes, kühles Industriedesign — die sterile Chefetage eines globalen Stahl- und Waffenkonzerns. Ein Bühnenbild, das bewusst reibt: Natur gegen Profit, Wasser gegen Stahl, Stille gegen Macht.
Ein Jedermann, der mitten in unserer Gegenwart steht
Felix Mitterer transformiert Hofmannsthals Mysterienspiel in eine radikale Gesellschaftskritik. Sein Jedermann ist kein lebenslustiger Playboy, sondern ein Generaldirektor, dessen Entscheidungen über tausende Arbeitsplätze und über Leben und Tod bestimmen.
Er ist verheiratet — seine Frau verzweifelt an seiner Kälte und nimmt sich das Leben. Die Buhlschaft ist seine Sekretärin und Geliebte. Der Tod tritt als unscheinbarer Bürodiener auf, der Teufel als moderner Troubleshooter. Die Dreifaltigkeit erscheint direkt in der Konzernzentrale — humorvoll, streitend, philosophierend.
Die Kinder – das moralische Herz dieses Abends
Und dann sind da die Kinder. Nicht als Statisten, nicht als dekorative Randfiguren — sondern als jene Stimmen, die Mitterer am stärksten in die Gegenwart holt.

Sie verkörpern die Opfer von Kriegen, Waffenexporten und Umweltzerstörung: hungernd, verstümmelt, hustend. Sie sind die moralische Anklage, die Jedermann trifft wie ein Schlag.
Während der Probe standen sie konzentriert, mutig, klar in ihren Rollen. Und als ich später mit ihnen sprach, verwandelte sich diese Ernsthaftigkeit in ein Leuchten: Sie waren stolz, Teil dieses Stückes zu sein. Stolz, dass jemand ihre Arbeit sah. Stolz, dass eine Journalistin ihnen Fragen stellte — ihnen, den Jüngsten auf der Bühne, die doch die schwerste Last tragen.
Sie sind das Gewissen dieses Jedermann. Und sie spielen es mit einer Kraft, die man nicht vergisst.

Ein Blick in die Probe – ein Stück, das unter die Haut geht
Bei der Pressekonferenz am 16. Juni wurde ein 15‑minütiger Ausschnitt der „Happy Birthday“-Szene gezeigt. Die Laiendarsteller spielten präzise, die Kinder erschütternd klar. Das Licht schnitt durch die Bühne wie ein moralisches Skalpell, der See spiegelte die Visionen, die Musik spannte den Raum.
Dieser kurze Einblick zeigte, wie intensiv Mitterers Stoff in die heutige Zeit übersetzt wurde. Ein Stück, das nicht belehrt, sondern trifft.
Gerard Es – der Regisseur über seine Arbeit

Gerard Es beschreibt seine Inszenierung als Weiterführung einer Tradition: Jedermann immer wieder in die Zeit zu holen, in der wir leben.
Er betont, dass Mitterer die mittelalterlichen Mysterienspiele in die Gegenwart überträgt — und fragt: Was wären die heutigen Entsprechungen der alten Figuren?
Ein Generaldirektor statt eines reichen Lebemanns. Eine verzweifelte Ehefrau statt einer frommen Mutter. Ein Gewerkschaftsboss, eine Bundeskanzlerin, ein Jugendfreund, der über den Tisch gezogen wird. Und Kinder, die die Folgen globaler Entscheidungen tragen.
Der Geburtstag des Jedermann wird zum Totentag. Die Lebenden und die Toten treten gemeinsam auf. Und am Ende bleibt keine billige Absolution — nur ein offenes Ende, das nachhallt.
Die Seebühne Seeham – klein, aber mit großer Kraft
Seit 1997 steht die Seebühne Seeham für mutiges Theater abseits der großen Salzburger Bühnen. 18 Laiendarsteller stehen heuer auf der Bühne — und sie spielen ihre Rollen mit beeindruckender Präzision.

Der Blick über den See, die wechselnden Wolkenstimmungen, das Licht auf dem Wasser: All das macht diesen Ort zu einem besonderen Theaterraum. Ein Raum, der Geschichten trägt.
Mein Statement
Ein See. Eine Bühne. Ein Jedermann, der uns näher kommt, als uns lieb ist. Seeham zeigt: Große Kunst braucht keine großen Mauern — nur Menschen, die sie tragen. Ein Besuch lohnt sich — für die Kunst, für die Kinder, für die Kraft dieses Abends.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.