Der Untersberg – Ein Tag zwischen Wind, Worten und Höhenluft

Untersberg ein anderer Blickwinkel „Lesung, Klang und Berglicht – eingefangen von Foto: (c) Christa Linossi 2026

Der 6. Juni 2026 war einer dieser Tage, an denen der Himmel über Salzburg so weit wirkt, als hätte jemand die Grenzen der Welt ein Stück nach außen geschoben. Ich entschloss mich, auf den Untersberg, den Hausberg der Salzburger, zu fahren — nicht nur, weil er mich immer wieder ruft, sondern weil dort oben eine Buchpräsentation stattfinden sollte: Siegfried Siller stellte sein neues Werk „Der Untersberg“ vor.

Die Idee, ein Buch am Berg selbst zu präsentieren, war mehr als charmant. Sie war stimmig. Fast selbstverständlich. Ein Buch über den Untersberg gehört nicht in eine Buchhandlung — es gehört in den Wind, in die Höhenluft, in die Steinadern dieses Bergstocks.

Doch bevor ich zur Lesung komme, wollte ich den Leserinnen und Lesern zeigen, was dieser Berg wirklich ist — abseits der Touristenpfade.

Der Berg, der alles zeigt – und nichts preisgibt

Ich nahm nicht den üblichen Weg. Die Gondel spuckt täglich Scharen von Menschen aus, die in sieben Minuten auf 1.900 Meter schweben und dort oben staunend stehen bleiben, als hätten sie gerade eine neue Welt entdeckt. Und ja — der Blick ist überwältigend:

Lesung, Klang und Berglicht – eingefangen von (c) Christa Linossi 2026
  • die Stadt Salzburg, die Festung wie ein weißer Wächter
  • das Seengebiet, das in der Ferne glitzert
  • der Watzmann, der Hohe Staufen, bei klarer Sicht sogar ein Stück vom Chiemsee
  • und auf der anderen Seite die Salzburger Bergwelt, der Berchtesgadener Nationalpark, die 2000er wie eine steinerne Armee

Ein Panorama, das niemand vergisst. Und in unserer digitalen Zeit wird es festgehalten, geteilt, vervielfältigt — ein Berg, der tausendfach in die Welt hinausgeschickt wird und doch immer derselbe bleibt.

zerklüftet und doch faszinierend Foto: (c) Christa Linossi 2026

Der Untersberg ist schön, ja. Aber er ist auch zerklüftet, steinig, durchzogen von Latschenfeldern, die ihre eigenen Gefahren bergen. Er ist ein Berg voller Mythen, voller Geschichten, voller Echos. Doch heute wollte ich nicht über Sagen sprechen — sondern über das, was ich sah.

Die Buchpräsentation – schlicht, ehrlich, bergnah

Siegdried Siller der Autor des Buches „Der Untersberg“ „Lesung, Klang und Berglicht – eingefangen von (c) Christa Linossi 2026

Beim Zeppezauerhaus, auf etwa 1.600 Metern, fand die Lesung statt. Ein Ort, an dem Wanderer und Bergsteiger Rast machen, bevor sie weiterziehen. Ein Ort, der passt.

Siegfried Siller, Bergsteiger, Musiker, Untersberg‑Kenner, las Passagen aus seinem Buch. Zwischen Windböen und Sonnenflecken auf der Terrasse entstand eine Präsentation, die nichts brauchte außer sich selbst: schlicht, authentisch, bergnah.

von li.nach re. Musiker Wolfgang Greiner und Siegfried Siller Musiker und Autor „Lesung, Klang und Berglicht – eingefangen von (c) Christa Linossi 2026

Mit dabei: Wolfgang Greiner, Musiker und Maler, der Blues spielte und einen selbst komponierten Song über den Untersberg und die Kaiser‑Karl‑Legende. Es war ein Moment, in dem Musik und Berg sich gegenseitig verstärkten.

Ein Gespräch am Rande – die Social‑Media‑Welt am Berg

Zwischendurch kam ich mit einer jungen Social‑Media‑Dame ins Gespräch. Sie filmte eifrig, erzählte mir, sie kenne meinen Blog — „diese anderen Texte“, wie sie sagte. Ihr Kompliment war ehrlich, ihre Offenheit erfrischend.

Sie berichtete stolz von 80.000 Klicks auf ihrem Video zur Buchpräsentation. Ich musste schmunzeln. In der digitalen Welt gilt ein Klick schon als Interesse. Der Untersberg zieht viele Blicke an — aber nicht alle bleiben hängen.

Ein leiser Moment des Irritierens

Etwas irritiert war ich, als der Autor darauf hinwies, dass sein Projekt ohne freiwillige Unterstützung kaum realisierbar sei. Ein Zeichen der Zeit. Viele Kunstschaffende sind inzwischen zu Bittstellern geworden — nicht aus Mangel an Talent, sondern aus Mangel an Strukturen.

Beobachtungen am Berg – und ein stiller Appell

Der Untersberg ist ein hochalpines Gebiet. Und doch sieht man Menschen mit Flipflops, mit Kinderwagen, mit einer Sorglosigkeit, die fast rührend ist — und gleichzeitig gefährlich. Viele wissen nicht, was ein Berg ist. Dass er nicht nur Aussicht bedeutet, sondern auch Verantwortung.

Salzburg ist weltbekannt. Die Touristen kommen aus Ländern ohne Berge, ohne alpine Erfahrung. Sie sehen die Gondel und glauben, oben sei es wie unten. Doch hier gilt: Fehlalarm.

Zum Glück wird inzwischen besser informiert — durch Tourismusstellen, durch die Seilbahn selbst.

Der Untersberg von Ettenberg aus betrachtet! Foto: (c) Christa Linossi 2026

Ein Tag, der bleibt

Es war ein Tag voller Eindrücke: Berg, Buch, Menschen, Musik, Gespräche, Beobachtungen. Ein Tag, der zeigt, wie vielschichtig der Untersberg ist — und wie sehr er uns spiegelt.

Ein Berg, der nie nur Kulisse ist. Ein Berg, der immer antwortet, wenn man ihn besucht.

Restaurierung × Digitalisierung: Wie die Goldene Stube ihren Atem zurückgewinnt

Ein neues Stück Vergangenheit — Das 3D‑gedruckte Inlay findet seinen Platz in der Goldenen Stube. (Abnahme‑Inly_BDA, Foto: „3D Druck Restaurierung 4“)

Es gibt Orte, an denen Geschichte nicht nur sichtbar ist, sondern hörbar. Die Goldene Stube der Festung Hohensalzburg ist so ein Ort — ein Raum, der seit über 500 Jahren atmet, knarrt, flüstert. Und manchmal auch schweigt, wenn ihm etwas fehlt.

Zwei kleine Fehlstellen in der spätgotischen Holzvertäfelung — kaum größer als eine Hand — öffneten ein Tor in die Zukunft. Denn um diese Lücken zu schließen, brauchte es nicht nur Handwerk, sondern Mut zur Innovation.

Digitalisierung: Ein Lichttaststift für die Vergangenheit

Ein mobiler 3D‑Scanner fuhr über die jahrhundertealten Holzflächen wie ein Chirurg mit Licht. Er erfasste jede Rille, jede Unebenheit, jeden Schatten millimetergenau. Aus diesen Daten entstand ein digitaler Zwilling — ein virtuelles Echo der Fehlstellen, so präzise, als hätte die Festung selbst ihr Gedächtnis geöffnet.

3D‑Druck: Holz, das neu geboren wird

Auf Basis dieses digitalen Abbilds wurden passgenaue Inlays gedruckt — nicht aus Plastik, sondern aus einem biobasierten Holz‑Filament, das nach Fichte und Tanne klingt, wenn man es in der Hand hält.

In den Händen der Restauratorin formt sich das rohe Holz zu neuem Glanz. Restauratorin: Florentina Woschitz Foto: © Christa Linossi 2026

Die Restauratorin Florentina Woschitz nahm diese gedruckten Stücke entgegen wie Rohdiamanten. Sie strukturierte sie thermisch, färbte sie in Azurit‑Blau, ließ sie mit den alten Vergoldungen sprechen. Am Ende sah man nicht mehr, wo das Alte endet und das Neue beginnt.

Warum das wegweisend ist

Dieses Verfahren ist mehr als Technik. Es ist ein Versprechen: Dass Restaurierung künftig präziser, sanfter, nachhaltiger wird. Dass historische Substanz nicht geopfert werden muss, um sie zu retten. Dass Handwerk und Hightech keine Gegensätze sind, sondern Partner.

Forschung, die weitergeht

Mit dem Projekt SCSM 2.0 wird die Materialforschung vertieft. Die FH Salzburg, BAUKULTUR2 und die Salzburg Burgen & Schlösser arbeiten daran, Holz, Naturfasern und digitale Fertigung so zu verbinden, dass Restaurierung im 21. Jahrhundert neue Wege gehen kann.

KI in der Restaurierung: Die unsichtbare Maske

Im Gespräch mit Florentina Woschitz öffnete sich ein zweites Fenster in die Zukunft: Die revolutionäre KI‑Folientechnik des MIT.

Ein beschädigtes Gemälde wird hochauflösend gescannt. Die KI analysiert Risse, Farbverluste, Pinselstriche — sie lernt den Stil des Künstlers wie eine zweite Handschrift. Dann druckt ein Spezialgerät eine hauchdünne Polymerfolie, die exakt jene Stellen ergänzt, die fehlen.

Diese Folie wird auf das Original gelegt. Sie berührt es nicht. Sie kann jederzeit rückstandslos entfernt werden. Eine Ergänzung, die da ist — und doch unsichtbar bleibt.

Für Museen bedeutet das: Rettung für Werke, die sonst im Depot verstauben würden. Stunden statt Monate. Reversibilität statt Risiko.

Vom Holz‑Inlay zur KI‑Maske: Ein neues Kapitel der Denkmalpflege

Was in der Goldenen Stube begann, führt weiter in die Welt der Gemälde. Beide Methoden zeigen: Die Restaurierung der Zukunft ist präzise, digital, reversibel — und dennoch zutiefst respektvoll gegenüber dem Original.

Die Festung Hohensalzburg hat damit nicht nur zwei Fehlstellen geschlossen. Sie hat ein Fenster geöffnet: In eine Zukunft, in der Geschichte und Technologie nicht gegeneinander arbeiten, sondern miteinander.