
Am 30. April 2026 stellte das Museum der Moderne Salzburg seine große Retrospektive zu Charlotte Perriand vor. Ich konnte an der Pressekonferenz nicht teilnehmen – kein Drama, kein Abgrund. Manche Ausstellungen wollen nicht erklärt, sondern erlebt werden. Also betrat ich die Schau am 16. Mai, während des 11. Salzburger Museumswochenendes, und spürte sofort: Diese Frau dachte nicht in Möbeln. Sie dachte in Räumen, in Freiheit, in Bewegung.

Schon beim ersten Schritt wird klar, dass Perriands Entwürfe mehr sind als Designobjekte. Sie erzählen von einem Leben, das sich nicht einengen lässt. Und dann steht man plötzlich vor Arbeiten, die im Dialog mit Fernand Léger entstanden sind – und begreift, wie viel Humor, Mut und Modernität in dieser kreativen Partnerschaft steckte. Es ist eine Ausstellung, die nicht nur informiert, sondern innerlich aufrichtet.
Die Retrospektive am Mönchsberg
Zum ersten Mal in Österreich widmet das MdM der französischen Architektin und Designerin eine umfassende Schau. Und es sind nicht nur die Möbel, die faszinieren – es ist ihr Denken. Ihr Blick auf das Wohnen als soziale Aufgabe. Ihr Mut, Räume neu zu definieren.

Ein Satz aus einem ihrer Texte bleibt hängen wie ein architektonisches Mantra: „Offener Grundriss: Module mit festgelegten Funktionen – Ruhe, Ernährung, Hygiene –, die sich zu einem Gemeinschaftsraum hin öffnen – Freude, Arbeit, Raum.“

Diese Vision wird in der Ausstellung konkret: Die berühmte Modellwohnung ist als begehbare Rekonstruktion in Originalgröße erlebbar. Keine Wände, die trennen – stattdessen ein industriell gefertigtes Schranksystem, das zugleich Stauraum und Raumteiler ist. Zwei Funktionen in einem. Ein Denken, das seiner Zeit voraus war.
Der „Table manifeste“ – ein politisches Möbelstück

Ein Objekt hat mich besonders berührt: der Table manifeste, entworfen für den Schriftsteller Jean‑Richard Bloch. Ein Beistelltisch mit abnehmbarer Platte – darauf zwei Zeichnungen von Fernand Léger (Tire‑bouchon und Fragment de vitrage, 1933) sowie zwei Radierungen von Pablo Picasso aus Songe et mensonge de Franco (1937). Ein Tisch als Manifest. Ein Möbel als Haltung.
Perriands Welt: Architektur, Design, Kunst, Fotografie
Charlotte Perriand verband all diese Bereiche zu einem einzigen großen Gestaltungskonzept. Für sie war Design nie Dekoration, sondern Teil eines gesellschaftlichen Zusammenhangs. Sie wollte Lebensräume verbessern – für alle Menschen. Und genau deshalb wirkt ihr Werk heute aktueller denn je.
Wer war Charlotte Perriand?
Geboren 1903 in Paris, aufgewachsen zwischen Burgund, der Hauptstadt und dem Savoyer Maurienne‑Tal. Sie studierte an der École de l’Union centrale des arts décoratifs und entwickelte früh eine klare, minimalistische Formensprache. Perriand revolutionierte Möbel‑ und Raumgestaltung, verband Funktionalität mit sozialem Anspruch und glaubte zutiefst daran, dass gutes Design eine bessere Gesellschaft schafft.
Sie arbeitete eng mit Le Corbusier und Pierre Jeanneret zusammen – ikonische Möbel wie der LC2‑Sessel oder die LC4‑Liege tragen ihre Handschrift.
Die kreative Symbiose mit Fernand Léger
1930 begegneten sich Perriand und Léger in der deutschen Botschaft in Paris. Es war keine klassische Künstler‑Designer‑Beziehung, sondern ein fruchtbarer Austausch über Architektur, Farbe, Form und Moderne.
Beide liebten klare Linien, kräftige Farben und eine industrielle Ästhetik. Léger malte mit Flächen und Geometrien – Perriand übersetzte diese Prinzipien in Räume und Möbel.

Sie sagte einmal, sie hätten „in einem Fluss aus Farben und Humor“ gearbeitet. Man spürt es in jedem Objekt.
Die Ausstellung – Zahlen, Räume, Dimensionen
Mit 217 Werken, Fotografien, Studien und Dokumenten auf 990 Quadratmetern spannt die Schau einen Bogen über ihr gesamtes Schaffen. Eine Kooperation der Kunstmuseen Krefeld, des MdM Salzburg und der Fundació Joan Miró, Barcelona – entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Archives Charlotte Perriand.
Perriand und die Berge
Ein Detail, das mich persönlich berührt: Perriand war nicht nur eine Frau der Großstadt. Sie hatte eine tiefe Verbindung zu den Alpen. Dort schöpfte sie Kraft, dort fand sie Klarheit. Vielleicht erklärt das ihre Entwürfe: Natur, Klarheit, Funktionalität – das ist Perriand.
Wer in den Bergen steht, weiß: Die Ideen kommen, wenn der Blick weit wird. Man steigt mit 100 % Akku wieder ins Tal.
Eine Frau mit Haltung
Perriand setzte sich in einer Männerwelt durch – mit Talent, Mut und einer klaren Vision. Ihre minimalistischen Kreationen erinnern daran, dass weniger oft mehr ist. Nicht als Mode, sondern als Haltung.
Publikation & Laufzeit
Begleitend zur Ausstellung erschien im März 2026 die Publikation „Charlotte Perriand – Die Kunst des Wohnens“, zugänglich für ein breites Publikum wie für Fachleute.
Die Ausstellung läuft noch bis 13. September 2026 im Museum der Moderne Salzburg.