Zwischen Bergwind und Herzschlag – ein Motor, der nie Pause macht

„Berglandschaft im Nationalpark Berchtesgaden – ein Ort zum Atmen. Foto: © Christa Linossi 2026“

Oben am Berg, zwischen Licht, Schatten und einem stillen Atemzug, kam ein altes Thema zurück: das Herz. Zwei frühere Fotoarbeiten und ein neuer Blick auf die Natur haben diesen Essay möglich gemacht — eine kleine Reise zu einem Motor, der nie Pause macht.

Nach vielen journalistischen Projekten endlich wieder frei atmen. Der Berg hat gerufen, und ich bin gegangen — und es hat mir verdammt gut getan. Auf 1.700 Metern auf irgendeinem Stein zu sitzen, in die Landschaft zu schauen, umgeben von Fels, Alm und Weite: Das ist ein Moment, in dem einem wortwörtlich das Herz aufgeht.

Die Sonne streicht über die Bergflanken, Wolkenschatten wandern über die Wände, ein Windhauch streift an mir vorbei, als würde er sagen: Du hast es wieder geschafft. Atme. Füll deinen Akku auf. Und während ich so verklärt in die Landschaft starre, taucht ein alter Gedanke wieder auf: das Herz. Ein Thema, das ich schon lange als Essay fassen wollte.

Ich finde eine unbewirtschaftete Almhütte, kühl im Schatten, ein Tisch davor, perfekt für eine Schreibpause. Ich packe meine Utensilien aus — man weiß ja nie, wann einem unterwegs ein Gedanke anspringt.

„Unbewirtschaftete Almhütte im Nationalpark Berchtesgaden – ein stiller Ort für eine Schreibpause. Foto: © Christa Linossi 2026“

Schon einige Tage zuvor hatte ich mein digitales Archiv durchstöbert und zwei Herz‑Arbeiten aus 2022 hervorgeholt. Die Herzarbeiten waren frühe Versuche, innere Extreme sichtbar zu machen — ohne konkrete Personen, nur Emotion als Material. Erst dort oben, im Wind und in der Weite, merkte ich, dass diese beiden Stücke wieder Bedeutung bekamen. Erst Jahre später merkte ich, dass diese beiden Arbeiten ein Vorläufer des Essays waren — zwei frühe Herz‑Notizen, die jetzt in einem größeren Zusammenhang stehen.

Und da stellt sich mir die Frage: Sollten wir nicht öfter an unseren Herz‑Arbeiter denken?

Das Herz ist der einzige Arbeiter, der niemals streikt. Kein Betriebsrat, keine Pause, kein „Mir reicht’s“. Es arbeitet, während wir schlafen, lachen, weinen, rennen, zweifeln. Es arbeitet im Stress, im Übermut, im Schmerz, im Tempo, im Stillstand. Es arbeitet, wenn wir nicht an es denken — und wir denken selten an es.

Wir merken unser Herz erst, wenn es stolpert. Wenn es brennt vor Liebeskummer. Wenn es rast vor Angst. Wenn es schwer wird vor Erschöpfung. Wenn wir es überlasten, falsch ernähren, ignorieren. Aber es schlägt weiter. Ein Muskel, ein Arbeiter, der gepflegt, trainiert, geachtet werden will. Ein Muskel, der uns trägt, auch wenn wir ihn ständig vergessen.

Vielleicht sollten wir uns öfter bewusst machen, was dieser Motor leistet. Vielleicht sollten wir ihm zuhören, bevor er schreit.

Nun zu meinen Arbeiten. Beide erzählen eine Wahrheit: Unser Herz kennt Extreme. Es brennt. Es ruht. Es stolpert. Es trägt. Und in allen Zuständen arbeitet es weiter.

Arbeit 1: „ZERSTÖRUNG“ Ein brennendes Herz. Kein romantisches Feuer, sondern ein zerstörerisches. Ein Herz, das weiß, wie Gefühle schmerzen, wie sie reißen, wie sie sich in die Brust fressen, wenn etwas verloren geht. Aggressives Rot, als würde das Organ selbst schreien. Es ist nicht nur Symbol — es ist Erfahrung. Das, was bleibt, wenn man zu viel gefühlt hat.

Fotoarbeit ‚ZERSTÖRUNG‘ – frühe experimentelle Herzstudie. Emotion als Material, © Christa Linossi 2022“

Arbeit 2: „VERNETZT“ Das Gegenteil: ein ruhendes Herz, verschlungen wie ein Labyrinth. Umgeben von verschwommenen Bewegungsstreifen, als würde die Welt im Speed vorbeiziehen, während das Herz stillsteht. Ein Arbeiter, der kurz innehält, obwohl alles um ihn herum rast. Das Herz im Zentrum — unbeirrbar vom Tempo der Außenwelt.

Fotoarbeit ‚VERNETZT‘ – ein ruhendes Herz im Labyrinth der Welt. Experimentelle Photoshop‑Arbeit © Christa Linossi 2022

Und dann wieder die Liebe. Das einzige Gefühl, das direkt ins Herz greift, ohne zu fragen. Sie kommt wie ein warmer Windhauch und geht wie ein Sturm. Wenn sie geht, hinterlässt sie Spuren — nicht auf der Haut, sondern im Inneren. Dort, wo es brennt, wo es reißt, wo es still wird.

Wir sagen „Herzschmerz“, weil kein anderes Organ so unmittelbar reagiert. Die Niere protestiert nicht. Die Lunge schweigt. Aber das Herz stolpert, zieht sich zusammen, schlägt zu schnell oder zu langsam, als würde es versuchen, die Welt neu zu ordnen.

Vielleicht gehört die Liebe deshalb dem Herzen: Weil es das einzige Organ ist, das Schmerz nicht nur registriert, sondern wahrnimmt. Liebe ist vielleicht Illusion, vielleicht Existenz, vielleicht beides: Spur, Narbe, Licht, Schatten — und manchmal Kraft, die uns weiterträgt.

Das Herz ist mehr als ein Organ. Es ist Symbol, Speicher, Mythos.

Rufen wir es öfter ins Bewusstsein. Der Motor arbeitet jeden Tag für uns. Behandeln wir ihn wie unsere Lieblingsstücke — und seien wir dankbar für das, was er leistet.

Für mich war die Bergwanderung ein wichtiger Moment, ein Gedanke an den Motor HERZ, der es verdient, erwähnt zu werden. Ruhe, Sonne, Berglandschaft — dafür sind Seele und Herz dankbar. Man nennt es schlicht Regeneration.

„Der Weg ist das Ziel – Wanderpfad im Nationalpark Berchtesgaden. Foto: © Christa Linossi 2026“

Natur gibt so viel. Man muss nur hingehen. Es kostet nur die Faulheit zu überwinden.

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