„DIE WUT, DIE BLEIBT“

Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Mareike Fallwickl / Uraufführung am Landestheater Salzburg im Rahmen der Salzburger Festspiele 2023

Regisseurin Jorinde Dröse fiel im März 2022 das Buch „Die Wut, die bleibt“ in die Hände und war von dem Thema „Frau und Mutter sein“ so angetan, dass sie es unbedingt auf die Bühne bringen wollte. Die Geschichte nahm ihren Lauf und so überzeugte sie (die scheidende Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele) Bettina Hering und so kam es zur Uraufführung der zweistündigen Inszenierung, die als Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Schauspiel Hannover entstand.

Die Regisseurin Jorinde Dröse erreicht mit ihrer Inszenierung nicht ganz die Kraft des Romans. Eine kurze Nacherzählung ist nicht schlecht, aber auch nicht überzeugend. Aber es ist auch schwer, einen Roman so zu erzählen, wie es im Buch steht.

Das Bühnenbild

Bühnenbild von Katja Haß / Foto: © Christa Linossi

Katja Haß (Bühne) hat den Wohnraum, der mal Helenes, mal Sarahs Wohnung ist, als schmucklosen Baukasten auf Stelzen gestellt. Oben – wohlgemerkt noch oben – ist also die patriarchalisch organisierte Welt der Familie. Aber unten ist etwas in Bewegung geraten! Dass die Mädchen aufwachen, dass ihr Selbstbewusstsein so positiv wächst, das wird in den Musicalnummern auch visuell ausgedrückt: Die Choreografie stammt von Suzan Demircan.

ZUM THEATERSTÜCK

Die Wut, die bleibt | Trailer 2 | Salzburger Festspiele 2023
SalzburgerFestspiele

Ein Abendessen, wie es in einer Familie normaler nicht sein könnte: Der Tag war lang, in der Wohnung herrscht Chaos. Die Kinder sind nörgelig und laut. Eine einzige Frage bringt die Familie schlagartig aus dem Gleichgewicht. „Haben wir kein Salz?“, fragt Johannes in die Runde. Ganz allgemein, nicht an seine Frau gerichtet, sondern an alle. Es ist eine einfache, eine ganz normale Frage. In diesem Moment steht Helene auf, geht zur Balkontür und stürzt sich ohne ein weiteres Wort in die Tiefe, viele Stockwerke in die Tiefe. Ihrem Mann und ihren drei Kindern wird in den folgenden Wochen schmerzlich deutlich, wie sehr sie als Mittelpunkt die Familie zusammengehalten hat, mit ihrer Fürsorge, ihrer Liebe, ihrem Trost. Wie weiterleben mit dem Gefühl der Schuld, der Trauer, aber auch des Unverständnisses?

Die Wut, die bleibt 2023: Max Landgrebe (Johannes), Anja Herden (Sarah)
© SF/Kerstin Schomburg

Auch Sarah, Helenes beste Freundin, quälen diese quälenden Fragen. Warum hat sie nicht gesehen, wie es ihrer Freundin wirklich geht? Sie will helfen, wenigstens jetzt für die Familie da sein. Als Freundin scheint sie versagt zu haben. Sarah springt in die Bresche, wird zur Stütze für den völlig überforderten Johannes. Sie kümmert sich um den Haushalt, sie kümmert sich um die Kinder. Nur für eine Weile, bis alle wieder festen Boden unter den Füßen haben.

Die eigentliche Hauptfigur ist Lola, die älteste Tochter (Nellie Fischer-Benson). Hin- und hergerissen zwischen Trauerarbeit und pubertärer Selbstfindung ist sie ständig rebellisch. Vehement und argumentativ beginnt sie sich gegen Rollenzuschreibungen zu wehren.

Die Wut, die bleibt 2023: Nellie Fischer-Benson (Lola), Yasmin Mowafek (Alva), Hanh Mai Thi Tran (Sunny), Johanna Bantzer (Helene)
© SF/Kerstin Schomburg

Eine Mädchenbande, angeführt von Lola, setzt sich Wollmützen mit Augenschlitzen auf. Sie beginnen, die Männer zu verprügeln. „Lola rechtfertigt ihr Tun: „Das ist nichts anderes als späte Notwehr. Motto: Schlag selbst zu, sonst tut es keiner. Auch Sarah bekommt schließlich Schützenhilfe von der Mädchengang.

Die Wut, die bleibt 2023: Johanna Bantzer (Helene), Sophie Casna (Femme), Yasmin Mowafek (Alva), Max Landgrebe (Physiklehrer), Nellie Fischer-Benson (Lola), Hanh Mai Thi Tran (Sunny)
© SF/Kerstin Schomburg

Und so hat Frauensolidarität in diesem Stück am Ende sogar etwas Generationenübergreifendes.

Es gibt noch eine ganze Reihe von Fragen, die das Stück für mich aufgeworfen hat. Zum Beispiel der Selbstmord! Das muss ein langer Schatten gewesen sein.

Gleichberechtigung, dafür hat Alice Schwarzer in den 70er Jahren gekämpft und dafür kämpft sie noch immer. Sie war die meistgehasste Frau ihrer Generation. Wo stehen wir heute? Statt voranzukommen, sind wir wieder stehen geblieben. Was wir brauchen, dass Männer und Frauen an einem Strang ziehen, als Team arbeiten und sich gegenseitig wertschätzen (Wertschätzung ist ein Wort, das viel zitiert, aber selten gelebt wird!), ist noch nicht wirklich im 21. Jahrhundert angekommen. Man muss bereit sein, sachliche Diskussionen zu führen, um voranzukommen. Was ist mit den alleinerziehenden Frauen? Auch das ist ein gesellschaftliches und politisches Problem.

Noch bis zum 29. August 2023 ist der Roman „Die Wut, die bleibt“ im Rahmen der Salzburger Festspiele im Landestheater Salzburg zu sehen. Sie können sich aber auch das Buch „Die Wut, die bleibt“, dass im Rowohlt Verlag erschienen ist, zu Gemüte führen.

THE GREEK PASSION – an absolute sound experience

Oper von Bohuslav Martinů

TerrassenTalk THE GREEK PASSION: li Maxime Pascal (Musikalische Leitung), re Simon Stone (Regie) © SF/Jan Friese

Bohuslav Martinůs Oper The greek Passion wird in diesem Jahr erstmals bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. In seiner dritten Salzburger Inszenierung nach Aribert Reimanns Lear und Luigi Cherubinis Medea wagt sich Simon Stone an dieses laut Intendant Markus Hinterhäuser „große musikalische Meisterwerk“. Sein Debüt am Pult der Wiener Philharmoniker gibt Maxime Pascal, der mit seinen Salzburger Dirigaten von Wolfgang Rihms Jakob Lenz und Arthur Honeggers Jeanne d’Arc au bûcher in den Fokus von Markus Hinterhäuser rückt.

am 07.08.2023 Maxime Pascal – während des TerrassenTalks auf der Presseterrasse, Festspielhaus, Salzburg, Österreich Foto: JAN FRIESE –

Maxime Pascal beschreibt seinen Zugang zum Werk Martinůs folgendermaßen: „Meine erste Begegnung mit Martinů hatte ich während meines Studiums am Pariser Konservatorium. Da erinnerte ich mich, dass ich als Student viel mit Martinůs Kammermusik zu tun hatte. Denn die wird in Frankreich oft für das Studium herangezogen.“ Intendant Markus Hinterhäuser schlug ihm Martinůs Oper The Greek Passion vor. „Es ist merkwürdig, Markus hat immer ein Gespür dafür, was zu mir passt. Er muss ein besonderes Gespür haben“.

Die musikalische Vielfalt, in der tschechische, byzantinische und orthodoxe Hymnen anklingen, beschreibt Maxime Pascal: „In dieser Oper spielt Martinůs Interesse an Spiritualität und Träumen eine zentrale Rolle. Dies spiegelt sich auch in der Musik wider, die sowohl westlich-christliche als auch anatolische Melodien und traumhafte Elemente enthält, die Assoziationen wecken“.

TerrassenTalk THE GREEK PASSION: Simon Stone (Regie)
© SF/Jan Friese

Zum Inhalt des Stücks sagt Simon Stone: „Wichtig für das Verständnis ist auch, dass Martinů selbst ein Flüchtling war und seine eigenen künstlerischen Möglichkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg stark eingeschränkt waren. Er musste selbst Asyl suchen – man hört in der Musik, wie wichtig für ihn der Stoff von Kazantzakis war, der sich seinerseits auch stark mit den Themen Staaten- und Heimatlosigkeit beschäftigt hat. So ist ein Stück entstanden, das zeitlos und modern zugleich ist. Deshalb ist es auch für uns heute relevant. Was Kazantzakis geschrieben hat, hat Martinů durch seine Musik, die archetypische und moderne Formen verbindet, noch verstärkt. Das ist eine Botschaft an uns alle“.

Simon Stone hält den religiösen Hintergrund des Librettos für wichtig: „Die Figuren des Manolios und des Grigoris zeigen den Gegensatz zwischen der Macht der Religion auf der einen Seite und der Macht eines einzelnen Menschen in der Person des Priesters – insbesondere innerhalb dörflicher Strukturen – auf der anderen Seite“. Gleichzeitig gehe es um das Ausloten von Grenzen und die Diskrepanz zwischen politisch verordneter Unterdrückung von Großzügigkeit und menschlich intuitiver Hilfsbereitschaft in der heutigen Zeit. „Martinůs Musik widersetzt sich diesem Unterdrückungsversuch – sie ist ein Plädoyer für Menschlichkeit“.

Die Premiere findet am 13. August 2023 in der Felsenreitschule Salzburger Festspiele 2023 statt.

DAS KIND UND DIE ZAUBERDINGE

Salzburger Festspiele 2023 – Oper für Kinder

Das Kind und die Zauberdinge 2023: Johanna Rosa Falkinger (Das Kind)
© SF/Marco Borrelli

Es handelt sich um eine Kinderoper nach dem Libretto von Colette „L’Enfant et les sortilèges“ von Maurice Ravel (1875-1937), ins Deutsche übersetzt von Egon Bloch. Eine Neuproduktion in der Inszenierung von Anna Handler (Musikalische Leitung), Giulia Giammona (Regie) (Oper für Kinder ab 6 Jahren).

Ich hatte die Gelegenheit, diese Kinderoper im Salzburger Schauspielhaus zu sehen. Es ist eine beeindruckende Kinderoper, bei der auch das Publikum (in diesem Fall die Kinder) teilweise mit einbezogen wurde, indem Fragen gestellt und Antworten erwartet wurden.

Ausschnitt aus der Handlung: Das Kind lebt gut behütet von seinen Eltern in einem silbernen Turm mit vielen Spielsachen. Das Kind brütet missmutig über seinen Hausaufgaben, die Mutter schimpft – ein Streit, Türenknallen, Hausarrest und ein wütender Tobsuchtsanfall. Über den Hausarrest und die vielen Hausaufgaben wird das Kind so wütend, dass es sein Zimmer verwüstet. Erschöpft sinkt das Kind in den Sessel.

Die beschädigten Objekte lassen sich das nicht gefallen. Wie von Geisterhand erwachen sie zu neuem Leben: Polstersessel, Sessel, Standuhr, Teekanne und Teetasse ärgern sich über die Sorglosigkeit des Kindes.

Was passiert, wenn man sich im eigenen Garten nicht mehr auskennt? Und wie kann man dem Spuk ein Ende bereiten? Zum Glück gibt es ein Zauberwort…

Das Kind und die Zauberdinge 2023: Anita Monserrat (Das Eichhörnchen)
© SF/Marco Borrelli

Währenddessen trauern die Kinder draußen um die zerstörten und weggeworfenen Kuscheltiere. Schließlich erscheint eines der Kinder von draußen im Zimmer des Kindes: Es nennt sich Eichhörnchen und das Kind folgt ihm nach draußen. Dort lernt das Kind die anderen Kinder kennen, die ohne Eltern leben und sich – wie das Eichhörnchen – Tiernamen gegeben haben.

Die anderen Kinder machen das Kind für die Zerstörung der Kuscheltiere verantwortlich und es kommt zum Streit. Als das Kind den anderen zeigt, wie man die Kuscheltiere wieder heilen kann, sind die elternlosen Kinder erstaunt: „Das Kind hat Mut, es tut Gutes!“ Das Kind wird Teil der Kindergemeinschaft. Alle werden Freunde.

Giulia Giammona hat diesen Zugang zur Geschichte – die verschiedenen Welten, die das Kind im Laufe des Stücks durchquert – bewusst gewählt: Es ist eine Auseinandersetzung mit den Eigenschaften eines Kindes von heute. Die Inszenierung wirkt zunächst wie eine verwirrende Aneinanderreihung von Szenen und Figuren, gleichzeitig bleibt das Kind aber immer Kind und wechselt auch sein Kostüm nicht.

Ein guter Begleiter ist das Eichhörnchen, dessen Käfig den „goldenen Käfig“ symbolisiert, in dem das Kind in einer Reizüberflutung gefangen ist.

Das Kind und die Zauberdinge 2023: Liza Lozica (Die Libelle), Anthony León (Der Frosch), Aitana Sanz-Pérez (Die Nachtigall)
© SF/Marco Borrelli

Als die anderen Figuren auftauchen, auch die Tiere, von denen es sich beschuldigt fühlt, beginnt das Kind zu verstehen, dass seine eigenen Handlungen andere beeinflussen. Die Tiere, denen das Kind begegnet, leben in einer anderen Welt als im Kinderzimmer.

In der Verschmelzung dieser beiden Sphären wird deutlich, dass das Kind Verantwortung übernehmen muss, dass es nicht einfach in seine „alte“ Welt zurückkehren kann. Seine Wut ist der Aufhänger für die Aufforderung: „Seid mutig und geht auch mal raus!“

Prädikat: Einen Besuch wert

Die Kinderoper kann bis zum 27. August 2023 noch besucht werden. Das Programm finden Sie hier.

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Kinder und Resilienz

Leonhard Thun-Hohenstein

Foto: © Christa Linossi

Was Krisen mit unseren Kindern machen und wie wir sie davor schützen können!

Univ.Prof.Dr.med.Leonhard Thun-Hohenstein ist Gründer der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg und war bis Jänner 2021 deren Vorstand. Im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie zählt er zu den renommiertesten Persönlichkeiten.

Den vielen Kindern und Jugendlichen und ihren Familien, die ihn bereichert haben und von denen er Wesentliches lernen durfte, widmet Thun-Hohenstein dieses Buch.

Worum geht es in diesem Buch?

Wie Krisen entstehen und wie Jugendliche lernen können, damit umzugehen.

Dieses Buch ist in 5 Kapiteln unterteilt:

  1. Kapitel geht es darum „Zur normalen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen“. Hier geht es um die Bedeutung der Emotion, frühkindliche Entwicklung usw.
  2. Kapitel „Was Krisen sind und warum sie entstehen“, wie zum Beispiel: Krise und schöpferischer Prozess, oder die Entwicklung einer Krise, die Rolle von Stress bei der Entstehung von Krisen usw.
  3. Kapitel „Fallbeispiele“ Carolina – eine Pubertätskrise, Amina – eine psychosoziale Krise oder Valerian – eine Identitätskrise mit Suizidalität
  4. Kapitel „Resilienz, Prosilienz und positive Lebensgestaltung angesichts von Krisen“ wie zum Beispiel: Was bedeutet eigentlich Gesundheit? Zum gelingenden und guten Leben, die Resilienz
  5. Kapitel „Vom Umgang mit Krisen“, der schöpferische Prozess als Basis, oder Krisenprävention auf der Makroebene, Allgemeine Regeln der Krisenintervention.

Anhand von Fallgeschichten und persönlichen Erfahrungen beschreibt er diese Themen anschaulich. Vor allem aber zeigt er, wie Eltern in schwierigen Zeiten ihre Zuversicht bewahren und ihre Kinder widerstandsfähig machen können.

Dieses Buch ist es wert zu lesen?

Eltern, die mit verschiedenen Situationen nicht mehr zurechtkommen. Sie suchen Hilfe. In diesem umfassenden Werk werden Strategien für die Begleitung und Bewältigung von Krisen in der Adoleszenz auf der Grundlage medizinischer Erfahrungen aufgezeigt.

Unter Resilienz versteht man die Widerstandsfähigkeit der Psyche gegenüber Belastungen. Leonhard Thun Hohenstein vergleicht die Psyche mit der Haut. Bei manchen ist sie empfindlicher, bei anderen widerstandsfähiger – und das von Geburt an.

AUTOR:

Univ.Prof.Dr.med.Leonhard Thun-Hohenstein ist an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie für Soziale Kompetenz und Kommunikation in der Medizin zuständig.

Leonhard Thun-Hohenstein lebt mit seiner Frau in Salzburg.

AM FENSTER KLEBT NOCH EINE FEDER

Maria Lassnig

Foto: © Christa Linossi

Worum geht es in diesem Buch?

Maria Lassnig (1919-2014) pflegte Freundschaften mit zeitgenössischen Dichterinnen und Dichtern. Sie war eine große Leserin vor allem österreichischer Autorinnen und Autoren. Besonders verbunden fühlte sie sich Ingeborg Bachmann und Peter Handke, die beide in Kärnten geboren wurden.

Mit der Feder als Schwester des Pinsels – der Gegenstand kann derselbe sein, nur die künstlerischen Ausdrucksmittel unterscheiden sich – beschrieb Lassnig gerne die Verwandtschaft der beiden Kunstgattungen. Maria Lassnig konzentrierte sich ganz auf die bildende Kunst, daneben besaß sie literarische Fähigkeiten, die in den Texten zu ihren Filmen, in Briefen und Notizen zum Ausdruck kommen. Was Lassnig im Bereich der Literatur geschaffen hat, wird in diesem Band in Erinnerung gerufen. Möge der Leser, die Leserin eine Ahnung von der lichten Weite der Autorin Maria Lassnig bekommen.

Eine kleine Anekdote, die dem Buch entnommen ist: „Da ich der Ansicht bin, dass es ungeheuer viel mehr Dinge in der Welt gibt, Dinge, die man nicht mit Wörtern ausdrücken kann, die noch nicht in Wörtern ausgedrückt sind, also mehr Dinge gibt es als Wörter – will ich in der Kunst auch nicht mit viel Wörtern beginnen“.

Dieses Buch ist es wert zu lesen?

Wenn Sie sich für die Künstlerin Maria Lassnig interessieren. Dann wird Sie auch interessieren, wie sie sich in Worten ausgedrückt hat. In diesem Buch finden Sie eine Fülle von kleinen Anekdoten. Zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken. Wie sagte Peter Handke so treffend über Maria Lassnig: „Maria Lassnig war nicht nur eine Malerpersönlichkeit, sie war auch eine schreibende Persönlichkeit“.

Maria Lassnig Biografie:

Bildende Künstlerin, geboren 1919 in Kappel am Krappfeld/Kärnten, gestorben 2014 in Wien. 1940 fährt Maria Lassnig mit dem Fahrrad von Kärnten nach Wien, wo sie an der Akademie der bildenden Künste Malerei studiert. Ab den späten 1940er Jahren Arbeiten zum Körperbewusstsein, die ihr Lebenswerk prägen werden. Mit Arnulf Rainer reist Lassnig 1951 nach Paris und bringt die informelle Kunst nach Österreich.

In Paris (1960-1968) nimmt Lassnig Einflüsse der Pop-Art auf. In New York (1968-1980) experimentiert sie auch mit Film. Ab 1980 Professorin an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien: Sie unterrichtet Malerei und gründet ein Trickfilmstudio.

Ihre Ferien verbringt sie am liebsten in ihrem Kärntner Landatelier in Feistritz im Metnitztal. Lassnig vertrat Österreich 1980 auf der Biennale in Venedig und stellte ihre Werke auf der documenta, in Amsterdam, Paris, London und New York aus. Im Jahr 2013 wurde sie auf der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Herausgeber dieses Bandes:

Peter Handke: geb. 1942 in Griffen/Grebinj, Österreich, Schriftsteller

Barbara Maier: geb. 1961 in Gemmersdorf, Österreich, Kuratorin

Lojze Wieser: geb. 1954 in Klagenfurt/Celovec, Österreich, Verleger

Wieser Verlag (wieser-verlag.com)

EIGHT MINUTES

Bertram Hasenauer

Bertram Hasenauer in London Kristin Hjellegjerde Gallery / Foto: © Bertram Hasenauer_Kristin Hjellegierde Gallery

Am 23.07.2023 erhielt ich per E-Mail folgende Nachricht: “I’m pleased to invite you to my debut exhibition in London. Kind regards, Bertram Hasenauer „ Eine Einladung des Künstlers Bertram Hasenauer nach London, ich war sehr überrascht, wenn ich Zeit und Geld gehabt hätte, wäre ich nach London geflogen.

Seine Werke beeindrucken mich bis heute. Jetzt sind sie erstmals in der Londoner Galerie Kristin Hjellegjerde zu sehen.

BERTRAM HASENAUER
EIGHT MINUTES AND TEN SECONDS, 2023
Acrylic on Canvas Copyright The Artist

Ich kenne den Künstler Bertram Hasenauer seit 2010, als er seine fantastischen Werke im MdM Rupertinum in Salzburg ausstellte. Im Jahr 2019 habe ich den Künstler wieder getroffen, diesmal bei der Präsentation der Kunstankäufe des Landes Salzburg, bei der das Land Salzburg ein Werk von Bertram Hasenauer angekauft hat. (Kultura-Extra, das Online-Magazin, 2010 schrieb ich noch für das Kunstmagazin Kultura-Extra in Berlin)

Der Titel seiner Ausstellung lautet EIGHT MINUTES. Worum geht es?

Das Porträt bzw. die Figur vor monochrom weißem oder dunklem Hintergrund steht im Mittelpunkt der Arbeiten von Bertram Hasenauer. Dabei geht es ihm nicht in erster Linie um die (naturalistische) Abbildung, sondern um die Vermittlung der Idee des Porträts an sich.

Zwischen Vertrautem und Fremdem schweben die formveränderlichen Porträts von Bertram Hasenauer. Seine Figuren sind archetypisch, undefiniert und emotionslos. Und doch gibt es manchmal einen Schimmer des Wiedererkennens, das Gefühl, wenn nicht dieses, so doch ein ähnliches Gesicht schon einmal gesehen zu haben.

Eight Minutes, die erste Einzelausstellung des österreichischen Künstlers in der Galerie Kristin Hjellegierde, zeigt eine neue Serie von intensiven, konzentrierten Arbeiten, die den Malprozess selbst und die Art und Weise, wie wir Bilder lesen und verstehen, reflektieren.

Die „dunkleren“ Werke hingegen basieren auf dem Zusammenspiel von Licht und der physischen Positionierung des Betrachters im Raum. Das Bild kann sich verhüllen oder enthüllen. Es ist eine neue Serie von Bertram Hasenauer, an die man sich erst gewöhnen muss. Während die anderen Bilder durch kräftige Farben oder präzise gezeichnete Details auf sich aufmerksam machen, verschieben diese Arbeiten unsere Perspektive.

Auch die Entstehung des Bildes beginnt man zu verstehen, wenn man es aus der Nähe betrachtet: Wie die Farbe in mehreren Schichten aufgetragen wird, wie unzählige Linien mit dem Silberstift eine präzise Zeichnung ergeben.

Er ist ein ausgezeichneter Zeichner und Maler, der sein Ziel konsequent verfolgt. Seine Werke faszinieren mich bis heute.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. August 2023 in der Kristin Hjellegjerde Gallery 533 Old York Road  LONDON SW18 1TG LONDON (WANDSWORTH) 

 

Biographie:

1970 geboren in Saalfelden, AT
1996 – 1997 Universität der Künste, Berlin, Erasmus-Austauschprogramm, DE
1997 – 1992 – 1997 Akademie der Bildenden Künste Wien, Diplom Mag art, Wien, AT
1998 Central Saint Martins College of Art & Design, MA in Fine Art, London, GB
Bertram Hasenauer lebt und arbeitet in Berlin, DE

MARKUS KLINKO – weltberühmter Fotograf

Fotokünstler Markus Klinko in der Rudolf Budja Galerie Salzburg / Foto: © Christa Linossi

Chat-Interview mit dem Fotokünstler Markus Klinko

Am 1. August 2023 eröffnete die Galerie Rudolf Budja in Salzburg The Summer Festival Exhibition 23 mit dem Titel „INTERSECTION OF PERSPECTIVES“, es werden Arbeiten von 4 internationalen Künstler: innen präsentiert.

Bei dieser Gelegenheit kam ich mit dem Schweizer Fotografen Markus Klinko (geb. 1961) ins Gespräch. Markus Klinko ist ein preisgekrönter internationaler Mode- und Celebrity-Fotograf und Regisseur, der mit vielen der bekanntesten Stars aus Film, Musik und Mode zusammengearbeitet hat.

Markus Klinko hat in den 00er Jahren alle wichtigen Popstars fotografiert wie Beyoncé, Lady Gaga, David Bowie, Jennifer Lopez, Britney Spears, Mary J. Blige, Mariah Carey, Kanye West, Anne Hathaway, Kate Winslet, Will Smith, Eva Mendes, Kim Kardashian, Naomi Campbell und Iman fotografiert. Die Pop International Galleries in New York hat Klinko ab 2022 unter Vertrag genommen. Das ist sowohl für den Künstler als auch für die Galerie eine aufregende Entwicklung.

Das Foto mit dem toten Mädchen ist eine sehr aktuelle Produktion, in der der legendäre Schauspieler aus den Patenfilmen, Joe Mantegna, zu sehen ist. Kunstdreh
als Galeriearbeit
Der Titel lautet:
Joe Mantegna & Mr. P, Unterbrochener Raub,
Belair, 2023
Aufnahme von © Markus Klinko
zu sehen in der Galerie Rudolf Budja Salzburg

Ich habe Markus Klinko gefragt, ob er bereit wäre, ein Interview für meinen Blog zu geben. Er hat zugesagt und ich habe ihm die folgenden Fragen gestellt:

Linossiartstory: Sie sind weltberühmt für Ihre Porträts berühmter Persönlichkeiten. Interessanterweise sind Sie auf Umwegen zur Fotografie gekommen. Sie haben in jungen Jahren eine Ausbildung als klassischer Harfensolist begonnen. Sie studierten am Conservatoire National Supérieur de Musique in Paris. Sie hatten sogar einen exklusiven Plattenvertrag bei EMI Classics. Nun meine Frage: Was hat Sie umgestimmt und wie sind Sie zur Fotografie gekommen und dann auch noch so erfolgreich durchgestartet?

M. KLINKO:

1994, auf dem Höhepunkt meines Erfolges als Konzertsolist und Schallplattenkünstler, zwang mich ein mysteriöses Handproblem, meine Karriere zu unterbrechen.

Innerhalb kürzester Zeit wurde mir klar, dass ich meinen Kindheitstraum bereits erreicht hatte, und ich nahm dies als Zeichen des Universums, weiterzumachen! Ohne jegliche Ausbildung oder Erfahrung entschied ich mich Hals über Kopf, Modefotograf zu werden!

Linossiartstory: David Bowie mit einem Wolf und die amerikanische Popsängerin Beyoncé sind in Ihrer Ausstellung in der Galerie Budja zu sehen. Sie haben mir erzählt: David Bowie wollte sich nur mit einem Wolf fotografieren lassen. Es ist ein sehr starkes Bild geworden und hat einen sehr hohen Wert. Wie haben Sie sich dieser Arbeit mit dem Blick eines Fotografen genähert, wo doch ein echter Wolf im Spiel war?

David Bowie , Aufnahme von © Markus Klinko zu sehen in der Galerie Rudolf Budja Salzburg

M. KLINKO:

Im Jahr 2001 bat mich Bowie, ihn für das Cover seines Albums Heathen zu fotografieren.

Ein paar Monate später rief mich das Londoner GQ-Magazin an und bat mich, ihn erneut zu fotografieren, diesmal für die GQ-Men of the Year-Ausgabe 2002.

Ich dachte sofort darüber nach und beschloss, ihn mit wilden Wölfen zusammenzubringen. Ich fragte ihn, und er sagte sofort zu!

Diese Serie gehört jetzt zu meinen erfolgreichsten Arbeiten in der Rudolf Budja Galerie in Salzburg!

Beyoncé Giselle Knowles-Carter ist eine US-amerikanische R&B- und Pop-Sängerin und Schauspielerin Beyoncé, Aufnahme von © Markus Klinko zu sehen in der Galerie Rudolf Budja Salzburg

Linossiartstory: Für ihr legendäres Album „Dangerously in Love“ stand die amerikanische Popsängerin Beyoncé, von der auch ein Werk in der Galerie hängt, zum ersten Mal vor der Kamera. Das Forbes-Magazin wählte Beyoncé zur einflussreichsten Künstlerin. Mit 32 Jahren erhielt sie bereits den Michael Jackson Video Vanguard Award für ihr Lebenswerk. Wie sind Sie mit Beyoncé in Kontakt gekommen? Arbeiten Sie noch mit ihr zusammen?

M. KLINKO:

Ich arbeite seit 2000 mit Beyoncé zusammen, als sie noch Mitglied von Destiny’s Child war. Sie bat mich 2003, ihr Cover für DIL zu fotografieren, und seitdem habe ich sie viele Male fotografiert!

Linossiartstory: Wer von den Prominenten, die Sie fotografiert haben, würde am ehesten wieder für eine Fotoserie in Frage kommen?

M. KLINKO:

Hmm! Vielleicht Beyonce! Schauen wir mal! 

Linossiartstory: Wo und von wem lassen Sie sich inspirieren? Gibt es Künstler oder Fotografen, die Sie beeinflusst haben?

M. KLINKO:

1000 Prozent: Andy Warhol auch ein bisschen Newton!

Linossiartstory: Wie würden Sie Ihre künstlerische Arbeit beschreiben? Eines Ihrer letzten Werke, dass Sie mit einer KI geschaffen haben, hängt auch in der Galerie. Ist die Künstliche Intelligenz auch für Sie ein neues Medium, auf das Sie in Zukunft nicht mehr verzichten wollen?

The Bio Generation, Triptychon, Los Angeles, Es ist ein Teil der Serie: Die Engelsfabrik
2023 Fotokunst mit AI von Markus Klinko / Foto: © Markus Klinko zu sehen in der Galerie Rudolf Budja Salzburg

M. KLINKO:

Ja, meine erste Erfahrung mit KI war ein großer Erfolg! Ich werde dieses Verfahren bei Bedarf mit Sicherheit weiter nutzen. neuen Technologien und wie sieht die Zukunft der Fotografie im Allgemeinen aus?

Linossiartstory: Was sind Ihre Beobachtungen, in welche Richtung entwickeln sich die neuen Technologien und wie sieht die Zukunft der Fotografie im Allgemeinen aus?

M. KLINKO:

Ich glaube, dass die traditionelle Fotografie auf absehbare Zeit Bestand haben wird, aber wie immer in meiner Karriere nutze ich jede mögliche Technologie, die mir hilft, das zu schaffen, was ich mir für ein bestimmtes Projekt wünsche!

Vielen Dank für das spannende Gespräch und weiterhin viel Erfolg.

Antony Gormley – Nightwatch –

in der Kollegienkirche Salzburg

großformatiger Skulpturen des britischen Bildhauers Antony Gormley / Foto: © Christa Linossi

Sie ist Salzburgs Kunstkirche, ein neuer Ort der Spiritualität, an dem die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und Künstlerinnen immer wieder Teil des Programms ist.

Derzeit ist im Rahmen der Salzburger Festspiele 2023 bis zum 13. August 2023 eine wunderbare Ausstellung in der Kollegienkirche zu sehen.

Gezeigt wird eine Gruppe großformatiger Skulpturen des britischen Bildhauers Antony Gormley (*1950). Es handelt sich um fünf Skulpturen aus der Tanker-Serie des Künstlers, die in einen bildnerischen Dialog mit der Ouverture spirituelle zum Thema „Lux aeterna“ treten.

Die fünf Stahlskulpturen sind dem menschlichen Körper nachempfunden. Ihre Masse verwandelt sich in dunkle, sich ständig ausdehnende Hohlräume, die in hermetisch abgeschlossenen „Tanks“ gehalten werden. Die Figuren stehen in einer Reihe und wenden sich dem Betrachter beim Eintreten zu. Verbeugen sie sich vor Gott oder sind es Verbeugungen vor der Erde?

Skulptur die sich verneigt Antony Gormley / Foto: © Christa Linossi

Die dunklen, bis zu 387 kg schweren Stahlfiguren bilden einen optischen Kontrast zur luftigen „Weißen Kirche“, die 1696-1707 nach Plänen von Johann Bernhard Fischer von Erlach erbaut wurde und den Wissenschaften gewidmet ist.

Die sich auftürmenden schwarzen Phänomene dringen in die geistige Sphäre ein und schaffen sich Raum.

Skulpturen des britischen Bildhauers Antony Gormley / Foto: © Christa Linossi

Nachsatz: Der britische Bildhauer Antony Gormley (*1950) gilt als einer der bedeutendsten Künstler unserer Zeit, der die Skulptur neu definiert hat. Eine Auswahl seiner Zeichnungen schmückt das Programmheft der Salzburger Festspiele 2023, eine davon – Sight (1987) – wurde zum ikonografischen Emblem der diesjährigen Festspiele gewählt. In diesem Werk weitet sich ein Blick in die Ferne oder ein schmaler, laserartiger Strahl öffnet einen Spalt in die Ewigkeit.

Die Ausstellung findet im Rahmen der Salzburger Festspiele 2023 statt und ist eine Kooperation mit der Galerie Thaddaeus Ropac.

Ein Besuch der Ausstellung lohnt sich!

FALSTAFF von Giuseppe Verdi

Salzburger Festspiele 2023 Libretto von Arrigo Boito nach der Komödie The merry Wives of Windsor und Auszügen aus dem Historiendrama King Henry IV von William Shakespeare

Bei den Salzburger Festspielen 2023 werden zwei Opern von Gisèppe Verdi nach William Shakespeare aufgeführt. Die eine ist Macbeth, die andere Falstaff.

Bei FALSTAFF handelt es sich um eine Neuinszenierung. Das Leading Team ist besetzt mit Ingo Metzmacher (Musikalische Leitung), Christoph Marthaler (Regie), Anna Viebrock (Bühne und Kostüme), Malte Ubenauf (Dramaturgie).

v.li.n.re. Christoph Marthaler(Regie), Anna Viebrock (Bühne, Kostüme), Malte Ubenauf (Dramaturgie) und Ingo Metzbacher (Musikalische Leitung) Foto: © Christa Linossi

Eine Shakespeare-Oper von Verdi, seine zweite komische Oper und zugleich seine letzte, ist FALSTAFF, die in diesem Jahr als Neuinszenierung bei den Salzburger Festspielen zu sehen sein wird.

Auf die Frage an den Regisseur Christoph Marthaler, ob er sich vom Film Orson Welles des Stoffes inspiriert gefühlt habe, antwortet dieser: “Ich denke, das viel Spannendere an dieser Oper ist die Musik. Die Handlung, die auf Shakespeares Die lustigen Weiber von Windsor basiert, sei an sich – vor allem nach heutigem Verständnis – keine Komödie. „Aber die Musik erzählt unglaublich viel. Vor dem Hintergrund des Films von Orson Welles, der darin selbst den Falstaff spielt, steht bei uns dann ein zusätzlicher Regisseur auf der Bühne.

TerrassenTalk FALSTAFF: Christoph Marthaler (Regie)
© SF/Jan Friese

Für Ingo Metzmacher ist es eine Premiere. Zum ersten Mal dirigiert er dieses Werk. „Ich habe schon viel Verdi dirigiert“, sagt er vorsorglich allen, die ihn auf den ersten Blick nicht mit diesem Repertoire in Verbindung bringen. Ich fühle mich sehr wohl damit, das Werk ist eine Fundgrube an Ideen, antwortet er auf die Frage nach seinen ersten Proben. Ich glaube, dass Verdi bei aller formalen Planung des Gerüsts in seiner Kompositionslust immer von der Figur des Falstaffs als anarchischem Geist genährt wurde, der seinen Launen freien Lauf lässt: Man muss den Augenblick genießen und die sich bietenden Gelegenheiten nutzen. Auch Verdi hat sich von diesem Gedanken leiten lassen. Er hat diese Oper im Grunde für sich selbst geschrieben, zum Vergnügen“.

TerrassenTalk FALSTAFF: Ingo Metzmacher (Musikalische Leitung)
© SF/Jan Friese

Zu diesem „doppelten“ Inszenierungsspiel zwischen Filmset und Realität sagt Anna Viebrock mit Blick auf die Kostüme, mit denen sie für die Schauspieler auch „reale“ Figuren schafft, wenn sie aus ihren Rollen heraustreten: „Wenn man sich andere Filme von Orson Welles anschaut, dann stößt man unter anderem auf The otherside oft he Wind. Da gibt es eine ähnliche Konstellation.

TerrassenTalk FALSTAFF: Anna Viebrock (Bühne und Kostüme)
© SF/Jan Friese

Die Zuschauer müssen die beiden Orson Welles-Filme nicht gesehen haben, um die Inszenierung zu verstehen, sagt Dramaturg Malte Ubenauf: „Ich glaube, das erschließt sich von selbst. The otherside oft he Wind ist ein Film über einen Regisseur, eine Art Backstage-Story. Uns interessiert, wie und wie komplex Regie führen funktioniert. Im Libretto inszeniert jeder jeden, das wollen wir potenzieren. Und Christoph Marthaler: „In der Geschichte sind die Menschen ständig dabei, sich selbst und andere zu inszenieren – das ist ein wesentliches Merkmal. Ich finde es toll, wie die Sängerinnen und Sänger das Umsetzen, denn auch in ihrem Zusammenspiel ist die gegenseitige Inszenierung wesentlich. Wir sind gespannt, wie sich das auf das Festspielpublikum überträgt.

am 25.07.2023 – während des TerrassenTalks auf der Presseterrasse, Festspielhaus, Salzburg, Österreich Foto: JAN FRIESE –

Malte Ubenauf kommentiert: „Wenn Christoph Marthaler und Anna Viebrock jetzt die überbordende Partitur des Falstaffs inszenieren, dann ist das die Fortsetzung zweier langer Geschichten: Zum einen zeigen Marthaler und Viebrock ihre siebte gemeinsame Inszenierung bei den Salzburger Festspielen. Zum anderen setzen sie mit Falstaff ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Verdis Werk fort, die einst an der Oper Frankfurt (Luisa Miller) begann und an der Opéra Garnier in Paris (La traviata) sowie am Theater Basel (Lo stimolatore cardiaco) fortgesetzt wurde“.

Premiere: Samstag, 12. August 2023 im Grosses Festspielhaus Salzburg

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AIDEEN BARRY-The Song of the Bleeding Tree                             

TARIK KISWANSON-Afterwards

Kunst zum Nachdenken!

Im Salzburger Kunstverein sind bis zum 10. September 2023 zwei interessante Ausstellungen zu sehen.

Zum einen zeigt die irische Künstlerin Aideen Barry im Kabinett unter dem Titel „The Song oft he Bleeding Tree“ eine Serie von Zeichnungen und eine 3-Kanal-Videoinstallation mit 4-Kanal-Sound. Aideen Barry ließ sich von ihren Forschungen in den UCD Folk Archives inspirieren, wo sie sich mit der irischen Tradition auseinandersetzt.

Aideen Barry mit einer interessanten Videoproduktion im Salzburger Kunstverein / Foto: © Christa Linossi

Eine beeindruckende und vielschichtige Installation mit neuen Arbeiten von Tarik Kiswanson ist im Großen Saal zu sehen. In poetischen skulpturalen und architektonischen Gesten werden Aspekte von Wurzellosigkeit, Regeneration und Erneuerung miteinander verbunden.

„The Song of the Bleeding Tree” von:

Aideen Barry (*1979) lebt und arbeitet in Irland, den Vereinigten Staaten und Europa. Ihre Ausdrucksmittel sind vielfältig. Dazu gehören Performance, Film und skulpturale Manifestationen. Der gemeinsame Nenner von Barrys Arbeiten ist der Versuch, mit Ängsten umzugehen. Dabei bedient sie sich visueller Tricks, um eine verstärkte Aufhebung der Realität zu erreichen.

Worum geht es in Aideen Barrys Arbeit? Es geht um die existenzielle Bedrohung des Planeten ERDE. In dieser Zeit großer Unsicherheit, des ökologischen Zusammenbruchs und der Aussicht auf eine Welt in der Endzeit untersucht Barry die Rolle der Kunst und der Künstler: innen. Der Leitgedanke, die letzte Generation von Künstler: innen zu sein, zieht sich wie ein roter Faden durch die vorliegende Arbeit.

Aideen Barry Video Bild „The Song of the Bleeding Tree” / Foto: © Christa Linossi

Aideen Barry verbrachte viel Zeit mit Recherchen in den Irish Folk Archives des University College Dublin. Eine der Geschichten, die in den Archiven zu finden sind, ist ein Lied über den Baum oder über die Beziehung zu einem blutenden Baum. Menschliche und tierische Nachkommen auf die Wurzeln eines Weißdornbaums zu legen, ist eine irische Tradition.

Aideen Barry Video „The Song of the Bleeding Tree” / Videoaufnahme kurz: © Christa Linossi

Genau das zeigt das Video in einer Endlosschleife: den weinenden, Tränen vergießenden Baum inmitten einer dunklen, purpurnen, apokalyptischen Landschaft. Das Video zieht einen in seinen Bann, man spürt, wie der Baum blutet, wie sich die welken Blätter vor dem schwarzen Hintergrund noch einmal aufbäumen wollen. Im Hintergrund die zerstörte Landschaft, in blutendes Rot getaucht und von schwarzen Bergen umgeben. Der Baum, der eher einem Skelett gleicht, versucht vergeblich mit seinen Armen oder Zweigen eine Richtung zu geben. Die Musik im Hintergrund ergibt ein stimmiges, geheimnisvolles und trauriges Bild…

Dieses immersive Kunstwerk wird auf die Wände und den Boden des Kabinetts projiziert. Es ist eine Szenografie der Entfremdung und der Trauer über unsere Beziehung zur natürlichen Welt. In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Stephen Shannon entstand die Klanginstallation.

„AFTERWARDS“ von:

Tarik Kiswanson (*1986) lebt und arbeitet in Paris. Er wurde im schwedischen Halmstad geboren, seine Familie emigrierte aus Palästina ins Exil. In seiner künstlerischen Praxis beschäftigt er sich mit der Poetik der Metamorphose. Sie ist eine Möglichkeit, zwischen verschiedenen Bedingungen und Kontexten zu schreiben und zu überleben. Seine breit gefächerte künstlerische Praxis kann als Kosmologie verwandter Begriffsfamilien verstanden werden. Tarik Kiswanson wurde für den Marcel Duchamp Preis 2023 nominiert.

TARIK KISWANSON-Afterwards im Salzburger Kunstverein mit seinen Objekten Foto: © Christa Linossi

Betritt man die große Halle des Salzburger Kunstvereins, in der die Arbeit von Tarik Kiswanson zu sehen ist, fällt der Blick zunächst auf ein großes, oval geformtes Objekt (es handelt sich um eine Kokonskulptur).  Der Blick wandert weiter nach links, wo ein Stuhl steht, auf dessen Sitzfläche sich ebenfalls ein eiförmiges Objekt (eine Kokonskulptur) befindet. Eine riesige Spiegelfläche an der Rückwand lässt den Blick noch einmal aus einer anderen Perspektive durch den Raum schweifen. Dreht man sich um, steht ein weiterer Stuhl im Raum. Dieser ist als Kunstobjekt gestaltet. (Es handelt sich um einen Franz Schuster: Bicolor Stuhl von 1959) und in der Mitte des Raumes steht ein Objekt aus Kunstharz mit einer Flamme im Inneren oder korrekter „Respite, 2020“ Kunstharz, Kerze.

Der Betrachter oder die Betrachterin wird, wenn er oder sie den Kontext nicht kennt, Schwierigkeiten haben, diese Objekte zu verstehen, obwohl sie harmonisch im Raum stehen. Worum geht es dem Künstler eigentlich?

ARIK KISWANSON-Afterwards im Salzburger Kunstverein mit seinen Kokon-Skulpturen Foto: © Christa Linossi

Im Zentrum der Arbeit von Tarik Kiswanson steht die Idee der Transformation. Es ist ein Weg der Veränderung. Dies geschah in Tariks früheren Arbeiten häufig unter dem Aspekt der Migration. Diese persönliche Erfahrung, die Sehnsucht nach Heimat – die jedoch eine instabile, von ständigen Konflikten und Besetzungen geprägte ist – klingt bis heute in seinen Werken nach und verdeutlicht sein ständiges Ringen um die eigene Identität.

Die Kokon-Skulpturen selbst sind natürlich aus der Faszination des Künstlers für die sublime Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling entstanden, die er in physischer Form mit Vorstellungen von Diaspora (= lebende konfessionelle oder nationale Minderheit), Wachstum, Entropie (= Entropie ist eine physikalische Größe, die die Unordnung in einem Teilchensystem beschreibt) und Werden parallelisiert.

Auch in diesen Werken ist eine gleitende Bedeutung zwischen Ei und Samen, zwischen Leben und Geburt und Tod zu erkennen. Die Skulpturen erscheinen an den Wänden wie außerirdische Hüllen, die sowohl an Science-Fiction-Geschichten als auch an geopolitische Realitäten erinnern. Wie ein Wesen, das sich in einen Kokon an den Wänden der Galerie eingesponnen hat, sind die Arbeiten größer, monumentaler und in ihrer Interaktion mit der Architektur freundlicher geworden.

Der Künstler beschäftigte sich auch mit dem Wiederaufbau der Nachkriegszeit, vor allem in Frankreich, Deutschland und Österreich. Dabei konzentrierte er sich auf das Mobiliar der Nachkriegszeit. Die in der Ausstellung gezeigten Stühle aus österreichischer Produktion, in Frankreich „mobiler sinister“ genannt, sind ein Beispiel für die Massenproduktion von Möbeln für die breite Bevölkerung: elegant, schlicht, pragmatisch und universell.

Der Künstler bezieht die Stühle bewusst in seine Arbeit ein. Er stellt diese Zeitlinie in den Mittelpunkt und spielt mit seinen Sorgen und Erfahrungen mit zeitgenössischer Migration, Flucht und den Schwierigkeiten der Wiederansiedlung. Als die Nachkriegsgesellschaft zusammenzubrechen drohte, taten sich Regierungen, Architekten und Designer zusammen, um den Wiederaufbau zu fördern.

Die verschiedenen Epochen der Geschichte und die geopolitischen Katastrophen, die das Leben unzähliger Menschen beeinflusst haben, sind für Tarik Kiswanson von großer Bedeutung. Was seine Eltern unmittelbar erlebt haben, spiegelt sich in seinen Werken wider und thematisiert ein breites Spektrum menschlicher Erfahrungen und Möglichkeiten.

Geboren im Exil, vermischt und geprägt von der Sehnsucht nach der fehlenden Heimat, blickt er hoffnungsvoll in die Zukunft.

Die Ausstellungen laden zum Nachdenken ein. Sie sind bis zum 10. September 2023 zu sehen.

Kuratiert wurde die Ausstellung von Séamus Kealy. (ehemaliger Direktor des Salzburger Kunstvereins von 2014 bis Mai 2023) v.l.n.r. Séamus Kealy, Künstler Tarik Kiswanson / Foto: © Christa Linossi