Papier lebt. Auch im 21. Jahrhundert.

FASZINATION PAPIER – Rembrandt bis Kiefer

Anselm Kiefer: Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir, 1997 © Albertina, Wien

Ein Mensch liegt im Wasser, der Blick geht nach oben, dorthin, wo der Himmel nicht antwortet, aber leuchtet. Anselm Kiefers Werk ist mehr als ein Bild — es ist ein Denkraum zwischen Kosmos und Gewissen. Als Titelbild dieser Ausstellung öffnet es den Raum für alles, was Papier tragen kann: Sehnsucht, Erinnerung, Widerstand.

Albertina Wien | 11. Dezember 2025 – 22. März 2026

Mein persönlicher Blick:

Papier begleitet mich seit meiner Kindheit: als Fläche, als Geheimnis, als stiller Raum, in dem Linien entstehen wie Wanderwege in einer Landschaft. Wenn ich Papier berühre, denke ich an das Rascheln von Blättern, an die Stille der Berge, an die Spur, die eine Hand hinterlässt, wenn sie wirklich etwas ausdrücken will.

In unserer digitalen Welt, in der vieles laut, schnell und flüchtig geworden ist, berührt mich dieses einfache Material heute mehr denn je. Vielleicht, weil es uns zwingt, langsamer zu werden. Vielleicht, weil es uns erinnert, dass jede Spur eine Berührung braucht.

Die Ausstellung Faszination Papier in der Albertina hat genau dieses Gefühl in mir wachgerufen: eine Rückkehr zum Ursprung des Gestaltens — dorthin, wo die Hand das Material berührt und die Idee ihren ersten Atemzug bekommt.

Angela Glajcar: 2014-061 Terforation, 2014 © Albertina, Wien | Foto: Max Brucker

Papier wird Raum. Angela Glajcar verwandelt das fragile Material in eine geologische Skulptur — Schicht für Schicht, Schnitt für Schnitt. Was leicht wirkt, trägt Tiefe. Was hängt, hält Gedanken. Diese Arbeit ist nicht nur Objekt, sondern eine Einladung, Papier als Körper zu begreifen.

Ein Material im Zentrum

„Faszination Papier“ lautet der Titel der außergewöhnlichen Ausstellung in der Basteihalle der Albertina. In einer Zeit, in der Papier im Alltag fast ins Abseits geraten ist, richtet diese Schau den Blick wieder auf das Wesentliche: auf das Material selbst. Auf das Zeichnen, Schreiben, Schneiden, Prägen, Falten — auf das unmittelbare Gestalten ohne digitale Vermittlung.

Papier wird hier nicht als bloßer Träger verstanden, sondern als Akteur. Als etwas, das Widerstand leistet, sich formen lässt, sich entfaltet, sich verwandelt.

Ein Schatz aus 600 Jahren Kunstgeschichte

Die Albertina beherbergt — neben dem Louvre und dem British Museum — eine der größten Sammlungen von Kunst auf Papier weltweit. Zeichnungen, Druckgrafiken, Aquarelle, Skizzen, Experimente.

Zum 250‑jährigen Jubiläum widmet das Haus diesem reichen Bestand eine große Ausstellung. Rund 140 Werke zeigen die Vielfalt dessen, was Papier sein kann: Träger, Objekt, Körper, Raum.

Kapitel einer Materialbiografie

Die Ausstellung ist in thematische Räume gegliedert — fast wie Kapitel eines Buches, das die Geschichte des Papiers erzählt:

AUS SCHNITT Der Schnitt öffnet das Material, macht es durchlässig, plastisch, neu.

EINDRÜCKLICH UND EINPRÄGSAM Prägungen verwandeln Papier in Relief — Spuren von Werkzeugen, Druckplatten, Berührungen.

DIE WELT IM ÜBERBLICK Karten, Vermessungen, Versuche, die Welt zu fassen und zu verkleinern.

DIE FERNE GANZ NAH Papier als Fenster zum Kosmos — als Ort der Sehnsucht und Orientierung.

VIELE TEILE – EIN GANZES Fragmente, die erst im Zusammenspiel Bedeutung entfalten.

ICH BIN PAPIER Papier als Bühne des Selbst: Identität, Spur, Beobachtung.

ENTFALTUNG IM RAUM Wenn Papier über sich hinauswächst und den Raum erobert.

Ein Beispiel: Rembrandt ganz nah

Rembrandt Harmensz. van Rijn: Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen, 1630 © Albertina, Wien

Unter den ausgestellten Werken findet sich auch Rembrandts kleines, aber intensives „Selbstbildnis mit aufgerissenen Augen“ (1630). Nur wenige Zentimeter groß — und doch ein ganzes Universum an Ausdruck.

Die Technik dahinter:

  • Radierung: Metallplatte mit Ätzgrund, Linien werden eingeritzt, Säure frisst Vertiefungen. Ergebnis: feine, weiche Linien.
  • Kaltnadel: Die Nadel ritzt direkt in das Metall. Ergebnis: kräftige Linien, Grate, samtige Schatten.

In diesem winzigen Gesichtsausdruck liegt eine ganze Epoche — und die Erinnerung daran, wie unmittelbar Kunst auf Papier wirken kann.

„Faszination Papier“ ist mehr als eine Ausstellung. Es ist eine Einladung, das Material neu zu betrachten — als Spur, als Körper, als Denkraum.

Denn vielleicht erinnert uns Papier gerade deshalb an etwas Wesentliches: dass jede Spur eine Berührung braucht und dort jede Geschichte beginnt.

Ausstellung: 11. Dezember 2025 bis 22. März 2026, Albertina Wien Weitere Informationen: http://www.albertina.at