
Was ist real – und wer entscheidet darüber? Mit dieser Frage eröffnet der Salzburger Kunstverein sein Jahresprogramm 2026. Unter dem Titel „CAPTCHA REALISM“ untersucht das Haus die wachsende Kluft zwischen gelebter Wirklichkeit und ihrer digitalen Authentifizierung.
CAPTCHAs – jene kleinen Tests, mit denen wir Maschinen beweisen sollen, dass wir Menschen sind – werden zum Ausgangspunkt eines kuratorischen Konzepts, das tief in die „Politik der Wahrnehmung“ eintaucht. Es geht um Identität in einer Welt, in der Algorithmen entscheiden, was als „echt“ gilt.
CAPTCHA (Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart) ist technisch gesehen ein umgekehrter Turing-Test: Nicht der Mensch prüft die Maschine – die Maschine prüft den Menschen.
Genau diese Verschiebung nimmt der Kunstverein zum Anlass, um 2026 gemeinsam mit internationalen Künstler:innen zu erforschen, wie sich Menschlichkeit, Erkennung und Sichtbarkeit verändern, wenn digitale Systeme die Kriterien der Realität bestimmen.
Künstlerische Höhepunkte 2026
Agnes Scherer – Frühjahr
Eine neue raumfüllende Installation, in der Malerei, bemalte Skulptur und Zeichnung zu einer begehbaren Theaterkulisse verschmelzen.
Ryan Gander – Sommer
Der international renommierte Konzeptkünstler entwickelt die großformatige Installation „ONE HUNDRED THINGS TWICE“, die Wahrnehmung und Wiederholung als ästhetische Strategie untersucht.
Aline Bouvy – Herbst/Winter
In Kooperation mit dem Casino Luxembourg bespielt Bouvy nach ihrer Präsentation im Luxemburger Pavillon der Biennale di Venezia 2026 sämtliche Räume des Kunstvereins.
Jahresausstellung HER (Oktober/November)
Kuratiert von Attilia Fattori Franchini, deren Praxis sich auf ephemere künstlerische Strategien und experimentelle Produktionskontexte konzentriert.
Kooperationen & Programme 2026
- Performance von Deva Schubert in Zusammenarbeit mit der SZENE Salzburg (Uraufführung im Juni).
- Lecture-Performance-Reihe „THE DISTRIBUTION OF LUCK“ gemeinsam mit der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst.
- Writer-in-Residence-Programm mit ArtReview, einem der weltweit führenden Kunstmagazine.
- Artist-in-Residence-Programm in Kooperation mit dem Bundesministerium für Kunst und Kultur.
Kuratorisches Konzept – Fragen, die bleiben
„CAPTCHA Realism“ ist von Mirela Baciak, Direktorin und Chefkuratorin des Salzburger Kunstvereins, entwickelt worden. Das Konzept wirft zentrale Fragen auf:
- Was erkennt ein System als „real“ an?
- Wie verändert sich die Lesbarkeit menschlicher Identität in einer maschinell vermittelten Welt?
- Wenn Sehen durch Beweisen ersetzt wird – was bedeutet das für Kunst?
- Wie lassen sich CAPTCHA‑Mechanismen in Malerei, Performance oder Installation überhaupt übersetzen?
- Und: Sind diese Tests wirklich nur harmlose Rätsel – oder Kontrollpunkte einer digitalen Sicherheitsökonomie?
Die Parallele zu modernen Passkontrollen nach dem Zweiten Weltkrieg ist nicht zufällig: Auch CAPTCHAs trennen – zwischen Menschen und Bot, zwischen Zugang und Ausschluss.
Im Digitalen funktioniert das. Aber wie lässt sich diese Logik ins Analoge übertragen?
Genau hier beginnt die künstlerische Auseinandersetzung 2026.