
BASELITZ JETZT ist mehr als eine Ausstellung. Es ist ein Blick in das Spätwerk eines Künstlers, der seit Jahrzehnten die Kunstwelt herausfordert, irritiert und bewegt. Das Museum der Moderne zeigt großformatige Arbeiten der letzten zehn Jahre – Werke, die nicht nur malerische Kraft besitzen, sondern auch eine tiefe Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, dem Alter und der Vergänglichkeit offenbaren. Baselitz stellt die Welt auf den Kopf, um sie neu zu sehen. Und vielleicht auch, um uns zu zwingen, uns selbst neu zu betrachten.
Wer ist Georg Baselitz?
Er ist ein deutsch-österreichischer Maler, Bildhauer und Grafiker. Geboren 1938 in Deutschbaselitz, Sachsen, wurde er in den 1970er‑Jahren mit seinen figurativen, expressiven Gemälden international bekannt. (Am 23. Jänner 2026 wurde er 88 Jahre alt; sein bürgerlicher Name lautet Hans‑Georg Kern.)
Seit den 1980er‑Jahren hat Baselitz einen tiefgreifenden Einfluss auf die internationale Kunst ausgeübt. Seine kontinuierliche Praxis ist geprägt von formalen Entwicklungen, Rückgriffen auf die Kunstgeschichte und auf sein eigenes umfangreiches Werk. Er entfaltet seine Themen durch eine sich ständig weiterentwickelnde Ausdrucksweise.
Bereits 2009 zeigte das MdM in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler einen Überblick über sein Schaffen – von frühen, die Nachkriegszeit reflektierenden Arbeiten über die Frakturbilder bis hin zur ikonischen Umkehrung des Motivs. Baselitz verändert seine Malmethoden permanent: Er segmentiert den Gegenstand, stellt ihn auf den Kopf oder nimmt alte Motive Jahre später wieder auf und setzt sie in einen neuen stilistischen Kontext.
Mit den jüngst entstandenen großformatigen Werken hat der Künstler erneut höchste Bedeutung in der Kunstwelt gefunden und seine stetige Weiterentwicklung der Bild- und Formensprache unter Beweis gestellt.
Die ausgestellten Werke – eine Welt auf dem Kopf
Blicken wir nun auf zwei zentrale Werke der Ausstellung. Das erste Bild konfrontiert uns mit einer körperlichen Fragilität, die Baselitz in seinem Spätwerk immer stärker thematisiert. Die Figuren wirken wie aus dem Innersten herausgedreht, verletzlich, tastend. Für mich stellt sich die Frage: Sieht der Künstler hier den alternden Körper im Verfall, oder zeigt er die Transformation, die das Alter unausweichlich mit sich bringt?

Das zweite Werk, das den Künstler und seine Frau zeigt, wirkt kraftvoller, aber ebenfalls vom Alter gezeichnet. Die Umkehrung der Figuren – ein zentrales Baselitz‑Motiv – verstärkt die Distanz und zugleich die Intimität. Es ist, als würde Baselitz den Blick auf sich selbst und seine Partnerin durch die Schwerkraft des Lebens ziehen lassen. Was geht in ihm vor? Warum ist ihm diese Darstellung so wichtig? Ist es ein radikales Anerkennen des Alterns, oder ein Aufbegehren dagegen?
Der Körper des Künstlers – und der Körper der Kunst
Faszinierend ist, dass Baselitz – mittlerweile auf Rollatorräder angewiesen – keinerlei Hindernis sieht, den Pinsel aus der Hand zu geben. Die großen Leinwände liegen am Boden; er malt mit verlängerten Pinseln oder direkt mit dem Rollator. Die Bilder entstehen dort, wo sie müssen: im Kopf, im Körper, im Jetzt.

„Surrealismus die Filzlüge“, 2020
Was will der Künstler mit dem Wort „Filzlüge“ ausdrücken? Drei Figuren, weder eindeutig weiblich noch männlich. Sind es kleine Lügen, die wir uns selbst erzählen? Emotionale Schutzmechanismen? Versuche, Konflikte zu vermeiden? Oder ist es eine Lüge über das Alter selbst? Wir werden es nicht erfahren – außer wir könnten Baselitz persönlich fragen.
BASELITZ JETZT ist eine Einladung, sich dem eigenen Blick nicht zu entziehen. Die 24 großformatigen Werke zeigen einen Künstler, der nichts beschönigt und dennoch eine tiefe Zärtlichkeit für das Leben bewahrt. Baselitz hält uns einen Spiegel vor – nicht, um uns zu erschrecken, sondern um uns wachzurütteln. Diese Ausstellung ist ein Bekenntnis zur Verletzlichkeit und zugleich eine Hommage an das Hier und Jetzt.