Die Ausstellung in der ALBERTINA ist einem der großen Meister der Renaissance gewidmet: Michelangelo, dem Maler, der mir am meisten am Herzen liegt.
Die Ausstellung MICHELANGELO UND SEINE FOLGEN beschäftigt sich mit der Entstehung und Wirkung eines Kanons („Kanon“ ist ein Kunstwerk, das allgemein als das einflussreichste seiner Epoche gilt), der für mehr als 300 Jahre zum Maßstab für jede Darstellung des männlichen Aktes wurde.
Michelangelo Buonarroti Sitzender Jünglingsakt und zwei Armstudien, um 1510/11 Rötel, weiß gehöht ALBERTINA, Wien
Michelangelo Buonarroti Männlicher Rückenakt, um 1504 schwarze Kreide, weiß gehöht ALBERTINA, Wien
Das Ideal des männlichen Aktes ist in Michelangelos Zeichnungen wie in seinen Skulpturen eine von innerer Spannung geprägte Darstellung, die weitgehend frei von erzählerischem Beiwerk ist. Michelangelo entwickelt dieses Ideal des männlichen Aktes um 1500 im Spannungsfeld zwischen dem Studium der Natur und dem Vorbild der in der Renaissance wiederentdeckten antiken Monumentalskulptur.
Michelangelo ist der Meister der Renaissance. Er gehört zu den wenigen Künstlern, deren Ruhm seit Jahrhunderten ungebrochen ist. Seine Kunst und seine Ideale sind tief im Denken seiner Zeit verwurzelt. Dennoch wirkt seine Kunst bis in die Gegenwart.
Die Erschaffung Adams ist wohl das berühmteste und am häufigsten kopierte Gemälde der Schöpfungsgeschichte. Michelangelo beeinflusste auch die katholische Kirche mit Fresken in der Sixtinischen Kapelle.
Die Wiederentdeckung des antiken Körperideals zu Lebzeiten Michelangelos und die revolutionären Fortschritte in der Darstellung der menschlichen Anatomie werden in der Ausstellung gezeigt. Neben Michelangelo sind Raffael, Dürer, Rembrandt, Rubens, Mengs, Batoni, Klimt und Schiele zu sehen, die alle ihr eigenes Körperbild entwickelten, indem sie Michelangelos Ideal nachahmten, weiterentwickelten oder vehement ablehnten.
Gezeigt werden Kunstwerke, die die Darstellung des idealen Körpers im Laufe der Jahrhunderte untersuchen. Zu sehen sind Schlüsselwerke des Künstlers, darunter Zeichnungen, die im Zusammenhang mit dem nicht ausgeführten Fresko „Die Schlacht von Cascina“ entstanden sind, sowie berühmte Darstellungen wie der „Sitzende Jünglingsakt“ und Zeichnungen der Sixtinischen Kapelle.
Raffaels Rötelakte und Dürers Aktdarstellungen, die einem anderen Regelwerk als das Michelangelos folgen, sind ebenfalls Gegenstand der Ausstellung. Rembrandts ungeschminkter naturalistischer Körper wird ebenso zu sehen sein wie die Bronzestatue des Herkules Farnese als Vertreter eines eigenständig entwickelten Körpertyps. Die Darstellung des nackten weiblichen Körpers ist ebenfalls Gegenstand einer Sonderausstellung.
Raffaello Santi Junger Mann, einen Alten auf dem Rücken tragend (Aeneas und Anchises), 1514 Rötel ALBERTINA, Wien
Albrecht Dürer Adam and Eva, 1504 Kupferstich ALBERTINA, Wien
Egon Schiele Mädchenakt mit verschränkten Armen, 1910 Schwarze Kreide, Pinsel, Aquarell, auf braunem Papier ALBERTINA, Wien
Gustav Klimt Studie für die linke der „Drei Gorgonen“ im Beethovenfries, 1901 Schwarze Kreide ALBERTINA, Wien
Den Abschluss der Ausstellung bilden Werke von Klimt und Schiele. Sie zeigen den Niedergang der Darstellung des menschlichen Körpers, wie sie seit der Renaissance gelehrt wurde. Insgesamt spannt die Ausstellung einen Bogen vom Frühwerk Michelangelos bis zu den Künstlern des frühen 20. Sie zeigt, wie Michelangelo den Idealkörper des Michelangelos Buonarroti aufgreift, weiterentwickelt und schließlich dekonstruiert.
Die Ausstellung zeigt unter anderem bedeutende Leihgaben aus dem Metropolitan Museum New York, dem Louvre Paris und der fürstlichen Sammlung Liechtenstein.
Die Ausstellung ist in der ALBERTINA bis 14. Jänner 2024 zu sehen.
Das Kunsthaus Graz feierte sein 20-jähriges Bestehen mit einer differenzierten Reaktivierung seiner Geschichte, die sich sowohl auf die nicht exponierten und weniger sichtbaren Aspekte vergangener Projekte als auch auf spezifische neue künstlerische Produktionen und performative Interventionen konzentriert.
„Auf ins Ungewisse!“ – der Aufruf der Kunsthaus-Architekten Colin Fournier und Peter Cook – war und ist eine abenteuerliche Einladung, die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft auszuloten und der Nachfrage nach alternativen Ideen und Utopien nachzukommen.
Werfen wir einen Blick zurück ins Jahr 2003. Graz war Kulturhauptstadt 2003 und in diesem Jahr wurde auch das KUNSTHAUS GRAZ eröffnet. Diese biomorphe Architektur, die einer biologischen Form oder Gestalt ähnelt, wurde von den britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier eigens für die Kulturhauptstadt Graz entworfen. Sie wurde zum Markenzeichen und ist seit 20 Jahren ein wesentlicher Bestandteil der städtebaulichen Identität der Stadt Graz.
Das Besondere an diesem Kunsthaus ist auch, dass es auf dem 1848 vom Architekten Josef Benedict Witthalm errichteten „Eisernen Haus“ (auf-)gebaut wurde. Die Verbindung von Eisernem Haus“ und Friendly Alien“ verbindet historische und zeitgenössische Architektur auf jene Weise, für die Graz 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. Eine 40 m lange gläserne Galerie verbindet die historische und denkmalgeschützte Bausubstanz mit dem neuen Kunsthaus und der „Blase“. Was ist die „Blase“? Es ist der blaue Körper des Kunsthauses Graz, der aus insgesamt 1288 blau eingefärbten, halbtransparenten Acrylglasplatten besteht. „Nozzle“ ist eine Struktur, die sich aus „Bubble“ mit 16 „Nozzels“ entwickelt. Sie können sinngemäß als Nasen, Trichter, Düsen oder auch als Schnorchel übersetzt werden. 15 Nozzels sind nach Norden ausgerichtet, nur einer blickt nach Osten, zum Uhrturm, dem traditionellen Wahrzeichen von Graz. So entstand ein Dialog zwischen altem und neuem Wahrzeichen der steirischen Landeshauptstadt.
abstract_light_animation_Kunsthaus Graz
Die Architektur besticht nicht nur durch ihr Äußeres, sondern auch durch ihre Räumlichkeiten. Sie unterscheidet sich radikal von herkömmlichen Ausstellungskontexten, die von der traditionellen Idee des „White Cube“ bestimmt sind. Kuratoren: innen und Künstler: innen wurden durch die spezifische räumliche Situation immer wieder neu herausgefordert, das Kunsthaus besteht aus den Räumen 01-04 und das Besondere daran ist, dass die Stockwerke nicht von unten nach oben gezählt werden, sondern umgekehrt, von oben nach unten.
Auch die Medienfassade BIX ist Teil des Gesamtkonzepts. Sie ist eine einzigartige Verschmelzung von Architektur und Medientechnik zur künstlerischen Kommunikation zwischen außen und innen und schafft so eine Verbindung.
Ein paar Fakten und Zahlen: 1227 Künstler: innen, 207 Ausstellungen, 333 neuproduzierte Werke, 122 BIX-Projekte, rund 700 (interne) Veranstaltungen, 98 Kataloge, 61 Begleithefte und ca. 1.500.000 Besucher: innen (Stand August 2023) fand bis dato statt.
In den letzten 20 Jahren hat das Kunsthaus unter der Leitung von Peter Pakesch (2003-2015), Barbara Steiner (2016-2021) und Katrin Bucher Trantow (Interimsleitung 2015/2022) wegweisende und international renommierte Künstlerinnen und Künstler gezeigt: Einzelausstellungen mit Sol LeWitt, Andy Warhol, Ai Weiwei, Bill Fontana, Katharina Grosse, Monika Bonvicini und Hito Steyerl, die sich oft spezifisch mit dem Raum auseinandersetzten. Darüber hinaus wurden in wichtigen Kooperationen thematische Gruppenausstellungen wie Roboterträume (2010), Landschaft in Bewegung (2015) oder Faking the Real (2021) erarbeitet, die wichtigen gesellschaftlichen Fragen am Puls der Zeit aufgreifen.
So feierte das Kunsthaus Graz „Friendly Alien“, wie es auch genannt wird, 4 Tage lang sein 20jähriges Bestehen. Mit verschiedenen Veranstaltungen, viel Prominenz und natürlich Ausstellungen.
Colin Fournier, Architekt des Kunsthauses, Andrea Mayer, Kultur-Staatssekretärin, Andreja Hribernik, Direktorin Kunsthaus Graz und Katrin Bucher Trantow, Chefkuratorin, v.l.,Foto: Kunsthaus Graz / J.J. Kucek
Sol LeWitts monumentale Arbeit WALL, die nach 20 Jahren wieder aufgestellt wird, tritt nun in einen Dialog mit der Gruppenausstellung THE OTHER, die sich mit den Themen Identität, Geschichte, Zugehörigkeit und Ausgrenzung auseinandersetzt. Der Begriff des „Anderen“ ist im allgemeinen Verständnis fast immer mit einer Abgrenzung, einer Trennung, einem Unterschied oder einer Unterscheidung von etwas oder jemandem verbunden. Der „Andere“ ist der, der nicht dazugehört, der nicht integriert ist. Aus westlicher Sicht wird das „Andere“ als der Osten, der Orient oder der exotische Süden definiert. Die Ausstellung verweilt bei der paradoxen Position des „Anderen“ als konstituierendes Element, aber auch als Störung. Diese Unterbrechung dient nicht nur der Differenzierung, sondern ist ein Impuls, diese Differenz als Öffnung für mögliche Zukunftsszenarien zu denken.
Weitere Aktionen im und um das Kunsthaus ergänzen das Jubiläumsprogramm:
Die diesjährige Eröffnung des „steirischen herbstes“ fand auf dem höchsten und symbolträchtigsten Punkt der Grazer Innenstadt, dem Schloßberg, beim historischen Uhrturm statt.
Dort steht ein imposantes Denkmal eines nackten Soldaten, der mit dem Rücken zur Wand steht. Tourist: innen und Grazer: innen schenken ihm nicht allzu viel Aufmerksamkeit, denn sein aggressives Heldentum aus dem Jahr 1932 passt nicht so recht in die heutige Zeit.
Die Intendantin Ekaterina Degot und die Künstlerin Lulu Obermayer beziehen sich mit einer Rede und einer Opernperformance auf diese dämonische Figur der Vergangenheit.
Bei „Menschen und Dämonen“ geht es nicht um „Gut und Böse“. Nein, bei „Menschen und Dämonen“ geht es vielmehr um „den Ist-Zustand und das Böse“.
Lulu Obermayer inszenierte eine Opernperformance mit kurzen Textauszügen aus der Weltliteratur (Goethe, Heine) und aus Opern (Verdi, Boccanegra, Bach, Schuhmann, Schubert) zu diesem politischen Thema. Die Inszenierung begann mit einem Chor, der nach oben blickte. Lulu trat auf einer Hebebühne auf und führte Dialoge mit dem Chor. Dann kam eine weitere Hebebühne mit einem Opernsänger und einem weiteren Opernsänger auf der Hebebühne ins Spiel. Alle drei inszenierten sich zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Gut und Böse. (Lulu Obermayer (1989, München, Deutschland) ist eine Künstlerin, deren Praxis sich zwischen Oper, Theater, Performancekunst und Tanz bewegt. Sie nutzt den europäischen Kanon als Reibungspunkt, um das verborgene Potenzial weiblicher Charaktere aufzudecken, dominante Erzählstränge umzuwandeln und unsichtbar gemachte Perspektiven freizulegen)
Wir wissen, was schrecklich ist, aber wir sind oft unfähig zu sagen, was gut ist: Gut für den Planeten im nächsten Jahrhundert? Gut für den legitimen Sieg über den Aggressor oder für den sofortigen Friedensvertrag mit dem Aggressor? Für unsere öffentliche Ablehnung der Diktatur oder für die Sicherheit unserer Familie, die immer noch unter dieser Diktatur lebt?
Das sind schwierige Entscheidungen, die keinen Aufschub dulden. Sie müssen inmitten von Kriegen, Krisen oder zunehmender politischer Unterdrückung getroffen werden. Es scheint, dass das „Böse“ universell geworden ist und uns überall bedroht, während das „Gute“ relativ ist und in die Privatsphäre verbannt wurde. Es beruht auf einer sehr persönlichen Vorstellung davon, was unter den gegebenen Umständen richtig ist.
Für die dissidente Stimme der Kunst, für die Stimme der Ungehorsamen, der Anderen, derer, die sich wie Kundera (Milan Kundera Schriftsteller) mit seinen seltsamen poetischen Geschichten den Fallen der engelhaften Didaktik und des dämonischen Teufelsdenkens entziehen, hat sich der steirische herbst immer eingesetzt. Wenn wir glauben, in unserer kleinen und sicheren freien Welt gäbe es keinen Grund mehr, für eine solche Stimme der Kunst zu kämpfen, dann irren wir uns, oder wir könnten uns sehr bald irren.
Das war jetzt nur ein kurzer Rückblick auf die Eröffnung, aber der „steirische herbst“ hat noch viel mehr zu bieten. Da war zum Beispiel die Performance in der Annenstraße, die mir auch sehr gut gefallen hat. Die slowenische Choreografin Mateja Bučar inszenierte in der Annenstraße eine choreografische Intervention, die sich mit der erschütternden Grazer NS-Vergangenheit auseinandersetzte, die tiefe Narben in der Stadt hinterlassen hat. Die Annenstraße war eine belebte Einkaufsstraße mit vielen Geschäften jüdischer Familien. Vorübergehend für den Verkehr gesperrt und von Autos und Straßenbahnen leergeräumt, bot Mateja Bučar eine eindrucksvolle Kulisse für seine Menschenkette, die die Hauseingänge verband, aus denen die jüdischen Geschäfte entfernt worden waren.
Erwähnenswert sind auch Ausstellungen wie DEMON RADIO in der Hilmteichstraße. In einem ansonsten noblen Villen- und Institutsviertel steht ein heruntergekommenes Callcenter eines Mobilfunkanbieters. Es wurde zum DEMON RADIO umgebaut. Eine allgegenwärtige, charismatische Figur namens Dr. Jazz geistert durch das Gebäude.
Das Archiv von Dr. Jazz, kuratorische Intervention, Demon Radio, Foto: steirischer herbst / kunst-dokumentation.com
Oder VILLA PERPETUUM MOBILE als fiktive Vorstellung: Das Forum Stadtpark, eine langjährige Partnerinstitution des steirischen herbst, wurde 1959 von Kulturschaffenden gegründet und ist ein interdisziplinäres Bollwerk der Gegenwartskultur – Wohnort eines Dissidenten an mehreren Fronten: des Physikers, Dichters und zeitweiligen Psychiatriepatienten Stefan Marinov (1931-1997).
Villa Perpetuum Mobile, Forum Stadtpark, Ausstellungsansicht, Foto: steirischer herbst / kunst-dokumentation.com
CHURCH OF RUINED MODERNITY im Minoriten Zentrum und im Minoriten Kloster, das zu einem Ort der Ausstellung und der Begegnung zwischen Religion und moderner Kunst geworden ist. Die Ausstellung ist der Künstlerin Mira Schendel (1919-1988) gewidmet. Das Kloster wurde schon früh in seiner Geschichte als Ausstellungsort genutzt.
Eteri Nozadze, Flussschifffahrt (2023), Installationsansicht, Church of Ruined Modernity, Minoritenkloster und Minoritenzentrum Graz, Foto: steirischer herbst / kunst-dokumentation.com, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin
Ars Electronica 2023, immer einen Schritt voraus, zielte heuer direkt auf das umstrittene Schlüsselthema unserer Zeit und fragte: Wem gehört die Wahrheit? Es ging um die Frage nach Wahrheit und Eigentum, nach Deutungshoheit und Souveränität, kann man Wahrheit überhaupt besitzen?
Gibt es ein Recht auf Wahrheit, und wenn sie jemandem oder einer Institution gehört, welche Kontrolle und Verantwortung ist damit verbunden? Wie gehen wir mit solchen Fragen im Zeitalter der globalen Vernetzung und der sich rasant entwickelnden Fähigkeiten sogenannter künstlicher Intelligenz um?
In einer Zeit, in der sich einige wenige in neofeudalistischer Manier das kollektive Wissen angeeignet haben und in der wir auch gute Gründe haben, daran zu zweifeln, dass die Vision der Technologie unsere Probleme lösen wird, müssen wir uns fragen, wie wir unsere Zukunft gestalten können.
Die Europäische Union hat sich zum Ziel gesetzt, allen Menschen den Zugang zu den großen Errungenschaften von Wissenschaft und Technik zu erleichtern und sie in die Lage zu versetzen, diese Errungenschaften zu nutzen.
Das ist eine Herausforderung, die nur sehr schwer zu bewältigen sein wird. Aber genau für eine solche Vision soll und kann ein Festival wie die Ars Electronica stehen. Seit mehr als 40 Jahren ist dieses außergewöhnliche Festival ein Ort, an dem nicht nur darüber nachgedacht wird, wie Technik unsere Gesellschaft verändert, sondern auch, wie Kunst und Gesellschaft selbst Technik gestalten können.
Warum war ARS ELECTRONICA heuer so umfangreich?
Auch dieses Jahr wurde das Festival wieder als „Green Event“ umgesetzt und es nahmen 1542 Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Entwickler*innen, Designer*innen und Aktivist*innen aus 88 Ländern daran teil. 650 Exponate waren Teil der Ausstellung. 575 Veranstaltungen fanden statt. Ermöglicht haben das Festival 338 Partner*innen und Sponsoren sowie 434 Mitarbeiter*innen.
POSTCITY – die digitale Revolution
20 Kilometer Stromleitungen, 550 Verlängerungskabel à 10 Meter und 550 Verlängerungskabel à 5 Meter, 800 Steckdosenleisten, 400 Bildschirme, 75 Beamer, 75 Notebooks, 150 PCs und 100 Raspberry Pi, 60 Messewandmodule, 430 Tische und 2.100 Sessel, hunderte Pflanzen und – die Liste der Requisiten, die das Festivalteam für die POSTCITY vom 6. bis 10. September 2023 benötigte, ließe sich beliebig fortsetzen.
Worum geht es in diesem Jahr?
Es geht um Wahrheit, im Grunde geht es aber auch darum zu zeigen, wie KünstlerInnen aus aller Welt in Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit Technologie und Gesellschaft an diesem Thema arbeiten. PreisträgerInnen des Prix Ars Electronica, Projekte aus zahlreichen lokalen, europäischen und internationalen Kooperationen und Netzwerken, kuratierte Themenausstellungen und neue Auftragsarbeiten, Symposien und Workshops machten dies sichtbar.
Meine Erfahrungen und Erlebnisse bei der Ars Electronica sind hier kurz zusammengefasst.
Die Ars Electronica war wieder zu Gast in den stahlbetongrauen Hallen und Katakomben der POSTCITY – und darüber hinaus an 13 weiteren Orten in der Linzer Innenstadt. Mein Besuch beschränkte sich auf die POSTCITY, die KUNSTUNIVERSITÄT und das Lentos Kunstmuseum.
Dieses Jahr gab es so viele Veranstaltungen und Ausstellungen, dass man sich auf ein Minimum beschränken musste. Vor allem, wenn man nur einen Tag Zeit hatte. Ich habe für mich die interessantesten Projekte bzw. Ausstellungen ausgewählt.
Interessante Highlights für mich waren:
Jennifer Kanary (NL) Labyrinth Psychotica – The Anoiksis Experiment Roomforthoughts
,Labyrinth Psychotica – The Anoiksis Experiment by Roomforthoughts Jennifer Kanary (NL), Photo Jennifer Kanary
In ihrer Forschung zur Simulation von Psychosen durch Kunst und Technik sucht sie nach Mustern in den langen ignorierten subjektiven Daten der Betroffenen. Die Untersuchung ihrer Geschichten führte zu einer künstlerischen Forschungstheorie, der Anoiksis-Theorie. Sie ist radikal, weil sie unser Verständnis von Halluzinationen und Wahnvorstellungen in den Mittelpunkt stellt, um zu versuchen, sie zu heilen. Die Theorie geht davon aus, dass Krankheit nicht die Folge eines Defekts im Gehirn ist. Vielmehr versucht das Gehirn, einen Heilungsprozess in Gang zu setzen. Die Anoiksis-Map-Methode kann verwendet werden, um Raum für alle „psychiatrischen“ Zustände auf einem Spektrum von Subjektivität zu schaffen.
Die Anoiksis VR Psychosis Experience ist theoriegeleitet und methodenorientiert. Sie handelt. Es handelt sich um eine Mixed-Reality-VR-Psychose-Simulation, die den/die Träger*in in einen sicheren, interaktiven Wachtraumzustand in den Geist von Dr. Green versetzt, der sich in einer Psychose befindet, und über 42 subjektive Erfahrungen simuliert.
(Anoikis (griechisch: ἀνοἰκις, „heimatlos“) bezeichnet einen programmierten Zelltod von menschlichen bzw. tierischen Zellen, die den Zell-Matrix-Kontakt verloren haben (Frisch und Francis, 1994))
VFRAME: Computer Vision for OSINT / OSI Research
Adam Harvey (US), Josh Evans (US), Jules LaPlace (US)
Honorary Mention
Director founder computer vision Adam Harvey 3D design and emerging 3D technologies Josh Evans Information architecture and front end development Jules LaP
VFRAME ist ein Computer-Vision-Projekt, das Open-Source-Bildverarbeitungssoftware und neuronale Netzwerkmodelle für die Menschenrechtsforschung und die Überwachung von Konfliktgebieten entwickelt. VFRAME startete 2017 mit dem Ziel, die Lücke zwischen kommerzieller KI und investigativer Forschung zu schließen.
Heute leistet VFRAME Pionierarbeit bei der Entwicklung und Anwendung neuer Techniken, die 3D-Fotogrammetrie, 3D-Rendering und 3D-Druck kombinieren, um synthetische Daten für das Training neuronaler Netze zu generieren. Anstatt, wie in der Industrie üblich, Daten aus Online-Quellen zu scrapen, die problematische Verzerrungen aufweisen können, verwendet VFRAME einen künstlerischen Ansatz, der digitale Fabrikation, Bildhauerei, Fotografie und 3D-Kunst kombiniert, um eine praktisch unbegrenzte Quelle von Trainingsdaten zu schaffen. Das Ergebnis ist ein leistungsfähiges Computer-Vision-Modell, das in der Lage ist, illegale Streumunition in Millionen von Videodaten aus Konfliktgebieten automatisch zu erkennen.
VFRAME hat von Anfang an eine Partnerschaft mit Mnemonic aufgebaut. Ziel ist es, die Technologie auf das umfangreiche Archiv von Mnemonic anzuwenden. In einem Pilotprojekt 2022 wurden in dem Archivmaterial aus Syrien, das mehr als drei Millionen Videos und etwa zehn Milliarden Einzelbilder umfasst, über 1.000 Videos entdeckt, in denen die Streubombe RBK-250 eingesetzt wurde.
Im vergangenen Jahr begann eine neue Zusammenarbeit mit der Nichtregierungsorganisation Tech 4 Tracing. Ziel ist es, direkten Zugang zu echter Munition für 3D-Scans zu erhalten. Dieser wichtige Schritt wird es dem VFRAME-Projekt ermöglichen, seine Entwicklungsbemühungen auszuweiten und weitere Open-Source-Modelle für die Computer Vision Detection zur Überwachung von Konfliktgebieten zu entwickeln.
Was wäre es heute, in einer Zeit der Ausdehnung des anthropogenen Einflusses über die Erde hinaus, für eine Bedeutung, außerirdische Materialassemblagen aktiv und performativ zu erleben? FORMATA ist eine hybride Installation, die lebende, autonome Blobs in einem experimentellen Reaktor inszeniert, der mit flüssigem Formamid die Bedingungen eines außerirdischen Planeten emuliert. FORMATA dekonstruiert die Hierarchie zwischen Menschen und Nicht-Mensch und ersetzt sie durch eine „unscaled agency“ von lebenden, teilweise lebenden und nicht lebenden Entitäten.
Das PЯОТO-ALIEИ PЯOJECT ist ein multidisziplinäres Labor für Ideen und Experimente an der Schnittstelle von Medienkunst, Chemie und Astrobiologie.
Emils
Yuan Shao Wu (TW), Wei Chen Yen (TW), Chiao Ni Hsu (TW), Kuan Ju Wu (TW/US), Yasuaki Kakehi (JP), Chun Cheng Hsu (TW)
Emils Yuan Shao Wu Wei Chen Yen Chiao Ni Hsu Kuan Ju Wu TW Yasuaki Kakehi JP Chun Cheng Hsu TW Photo Chun Cheng Hsu Lab
Interaktive, lebendige Skulptur aus Schleim. Emils ist eine flüchtige, weiche Skulptur, die aus Millionen zähflüssiger Schleimbläschen besteht, die zusammen eine essenzielle Struktur bilden. Diese Bläschen interagieren miteinander: Sie konkurrieren, verschmelzen und zerplatzen, während sie wachsen, was zu einer dynamischen, sich ständig weiterentwickelnden Form führt. Inspiriert von der Konstruktion mehrzelliger Organismen, verkörpert Emils die mikroskopische und makroskopische Perspektive von Lebensformen.
FOUNDING LAB closing ceremony
The FOUNDING LAB excursion to the JKU, the temporary location of the IDSA, takes place on the last day of the Summer School. The Institute for Digital Sciences Austria will be built nearby. As the first element of the IDSA, a linden tree is planted in honor of the Founding Convent, which includes, among others, Stefanie Lindstaedt, Christopher Lindinger and Claudia von der Linden. Each student contributes to the materialization of the IDSA by putting soil on the newly planted tree. Afterwards, every student receives a certificate of completion for the Summer School and Forum.
Photo: Patrick Münnich
Startschuss für neue Universität Linz!
„Linz ist digital führend in Europa“ > „Ich wage zu behaupten, dass Linz einer der Vorreiter in Europa ist, wenn es um digitale Transformation geht“, bringt Ars Electronica Geschäftsführer Gerfried Stocker den Grund für die Kooperation mit der neuen IDSA-University auf den Punkt. “The magic happens when different disciplines bump into each other!” 75 Studierende und 20 Fellows aus verschiedenen Ländern, Kulturen, Forschungsdisziplinen, aus Kunst, Wirtschaft und Zivilgesellschaft machten das FOUNDING LAB zu genau dem, was sich IDSA und Ars Electronica erhofft hatten: ein begeisternder Startschuss für eine neue Universität, die von Anfang an, Dialog, Inklusion und Innovation lebt. Gründungspräsidentin ist Stefanie Lindstaedt.
Nach dem Festival ist vor dem Festival
Die Ars Electronica 2023 ist Geschichte. Das nächste Festival für Kunst, Technologie und Gesellschaft findet dem 4. September 2024, bis dem 8. September 2024, in Linz statt.
Die Ars Electronica war in diesem Jahr ein sehr interessantes Festival, aber oft zu breit gefächert, um sich in einzelne Themen zu vertiefen.
Traumwetter, raus in die Natur, aber wohin? Ich fahre nach Werfen zur Ausstellung des exzentrischen Malers Franz Janz auf der Burg Hohenwerfen.
Die Burg Hohenwerfen widmet dem Künstler Franz Janz eine Hommage. Zu sehen sind Werke aus den 1990er Jahren. Franz Janz wurde 1946 in Graz geboren und verstarb 2017 nach langer Krankheit in Salzburg.
Im Zuge einer kulturpolitischen Aufbruchstimmung im Land Salzburg wurden 1971 die Rauriser Literaturtage ins Leben gerufen. 1975 wurde mit den Rauriser Malertagen (1975 – 1985) eine Initiative zur nachhaltigen Förderung des Kulturschaffens im ländlichen Raum gestartet.
Die Burg Werfen ist ein mächtiger und beeindruckender Ort. Niemand käme auf die Idee, dort oben auf der Burg freiwillig oder zumindest bis zum Einbruch der Dunkelheit zwei Wochen lang (bildende) Kunst zu machen. Nur Künstler können sich für so etwas begeistern lassen. Jeder der acht Eingeladenen hat bewusst für zwei Wochen einen Ort auf Zeit besetzt und sich in fremde, unbekannte Räume begeben.
So brachte das erste Malersymposium auf Burg Hohenwerfen 1986 den Aufbruch nach Werfen. Der Schock der Gegenstandslosigkeit traf auf die Erwartung, die mit den Bildern von Bergen und Burgen verbunden war. Durch regelmäßige Ausstellungen im Kuenburggewölbe profitierte Werfen von diesem Malersymposium.
Zum 10-jährigen Jubiläum des Symposiums (1986-1995. dannach wurde das Symposium aufgrund des voranschreiteten Tourismus eingestellt) entstand eine Sammlung von 89 Werken zeitgenössischer Kunst. Geleitet wurde das Symposium von Beppo Pliem (Salzburger Künstler 1939-2009 http://beppopliem.com/)
Der exzentrische Künstler Franz Janz wurde 1992 von einer Salzburger Kunstkommission – bestehend aus vier Jurymitgliedern – ins Spiel gebracht. Es war ein Schlachthaus der Farben und für den „besessenen“ Künstler war der malerische Schaffensakt eine Geburt aus einer proklamierten Seelenschau, die er selbst als dämonisch bezeichnete.
Die Geburt seiner Bilder war immer eine Art Kaiserschnitt. In enger Analogie zum reduzierten Vokabular der comicartigen Sprechblasen steht die Banalität der verwendeten sprachlichen Mittel. Entscheidend für sein künstlerisches Selbstverständnis war zweifellos die Begegnung mit Hermann Nitsch im Jahr 1991 – er besuchte die Internationale Sommerakademie Salzburg, Malklasse von Hermann Nitsch.
Nitsch trug wesentlich dazu bei, dass Janz in der Folgezeit durch seine Vermittlung, seine Texte und Reden bei Vernissagen überregionale und internationale Aufmerksamkeit erlangte.
Die Bilder von Janz sind in der Nähe von ART BRUT anzusiedeln, auf jeden Fall sind sie von einer Intensität und Dichte, wie man sie selten sieht.
Zurück zur Gegenwart:
Unterwegs im Reich der Dämonen – BREAKDOWN
ist der Titel der Ausstellung auf der Burg Hohenwerfen von Franz Janz.
Franz Janz (1946-2017) kehrt posthum mit Dämonen auf die Burg Hohenwerfen zurück. Er war einer der aufregendsten Künstler. Die Nummer 1 in Österreich“, wie er sich selbst einschätzte. Parallel zur Hexenausstellung in Hohenwerfen (Mythos Jackl – Zauberer und Hexen in Salzburg“) wurden nun für seine Ausstellung Breakdown“ oder Nervenzusammenbruch“ Bilder zum Thema Dämonen und Kobolde ausgewählt.
Für Janz, der sich als Schamane verstand, waren diese Mischwesen Realität.Sie führten ihn, so glaubte er, in ihr Reich ein. Mit ihnen und ihren Kräften arbeitete er. Herman Nitsch schreibt: Er ist ein Gratwanderer, er kann leicht in jene Abgründe des Unermesslichen stürzen, die er lustvoll betrachtet und fürchtet. Gezeigt werden hochexpressive Bilder in Acryl auf Leinwand und Arbeiten auf Papier aus Galerien und Privatbesitz. In einer Zeit, in der Exorzismus von der katholischen Kirche angeboten wird und der Glaube an den Teufel bei vielen Menschen weit verbreitet ist, sind dies ungewöhnliche Aussagen in der Kunst.
Janz Franz hat sich mit vier großen Werkgruppen auseinandergesetzt: An Dämonen und Kobolden, am Thema Frau, Hexen eingeschlossen, an Tieren, die als beseelte Gefährten gesehen wurden, und an der Rockmusik, die er auf kongeniale Weise in bildende Kunst umsetzte. Rock-Ikone Laurie Anderson, die seine Bilder in Salzburg entdeckte, über das Werk des Künstlers: „Das ist die Welt, in der ich lebe”.
Franz Janz wurde 1946 in Graz geboren. Seit 1971 in Salzburg, arbeitete Janz zunächst als Kellner, bevor er 1991 als Janz Franz an der Internationalen Sommerakademie bei Herman Nitsch die Kunst für sich entdeckte. Seither ist der Künstler international vertreten. Ausstellungen in Genf, Livorno, Gadebusch (D), Köln und Passau folgten. Nach fünf Jahren im Rollstuhl verstarb Janz Franz 2017. In Salzburg wurde Janz von den Galerien Eboran und Altnöder vertreten.
Die Auseinandersetzung mit dem Künstler steht im Mittelpunkt des „Projekt’ Janz Franz”, dass derzeit bis Ende 2023 eine zweite Janz-Ausstellung im Egon Schiele Art Centrum in Krumau zeigt. Darüber hinaus wird an einem Buch über den Künstler gearbeitet und für 2024 ist eine große Ausstellung im Joanneum in Graz geplant. Ziel ist es, das Werk des Künstlers wieder in den Kunstdiskurs einzubringen.
Die Bilder der Burg Hohenwerfen sind in den Gewölben der Kasematten ausgestellt. Hier kommen die Werke erst richtig zur Geltung. Sein Farbenrausch schreit einen förmlich an und bei genauerem Hinsehen werden seine Dämonen, seine Fratzengesichter sichtbar.
Er malte auch die Tierkreiszeichen. Er malte sie in seinen eigenen Farben und Formen. So wie Janz sie eben sah oder wie seine Dämonen es ihm befahlen. Er ist und war ein Wanderer auf dem Grat und ein Genie darin. Mit einem Bein im Farbenrausch und mit einem Bein in der unerforschten Psyche.
Kuratoren Hohenwerfen: Prof. Dr. Wolfgang Richter und Karl Heinz Leitner
Es ist wieder so weit. Die ARS ELECTRONICA OPENING 2023 beginnt mit der Eröffnung am 6. September 2023 in der POSTCITY GLEISHALLE. Die Gründung der neuen UNI „Institute of Digital Sciences Austria“ (IDSA), die in Linz entsteht, wird ein großer Startschuss sein. Der erste Teil der Veranstaltung ist geladenen Gästen vorbehalten. Er steht ganz im Zeichen der neuen Universität. Prominenter Keynote-Speaker ist Jimmy Wales, amerikanisch-britischer Unternehmer und Mitbegründer von Wikipedia, der vielleicht wichtigsten Website aller Zeiten.
Worum geht es bei Ars Electronica 2023?
Es geht um Wahrheit als Manifestation von Deutungshoheit und Souveränität, um den Umgang mit dem Verlust des Anspruchs auf „die“ Wahrheit und darum, dass wir uns daran gewöhnen müssen, Wahrheit im Plural zu denken. Es geht um Wahrhaftigkeit als Grundlage unserer Wertvorstellungen von „authentisch“ und „original“ und wie sich diese Begriffe im Digitalen bereits verändert haben.
Space Messengers / Agnes Chavez (US), STEMArts Lab (US), OMAI (AT), Space Messengers Collective
Space Messengers is a participatory, mixed-reality installation that visualizes thought-provoking reflections on the universe, encouraging participants to contemplate their role within it. The project evolved from an interdisciplinary and international collaboration among artists, scientists, interdisciplinary experts and youth ambassadors. Together we explore how the arts, humanities, philosophy, physics and space technologies can deepen our understanding of the universe and expand our identities as planetary citizens.
Credit: Malu Tavares
Weitere Highlights der ARS ELECTRONICA OPENING 2023 sind unter anderem folgende Veranstaltungen:
Am Donnerstag, 7. September, findet die Prix Ars Electronica Preisverleihung in der Gleishalle der POSTCITY statt. Im Rampenlicht stehen die Preisträger*innen des Prix Ars Electronica, des STARTS Prize, des Europe Union Prize for Citizen Science, des Ars Electronica Award for Digital Humanity, des CultTech x Ars Electronica Award, des State of the ART (ist) Wettbewerbs sowie des Isao Tomita Special Prize.
Große Konzertnacht mit dem Bruckner Orchester Linz – vom Drehmoment der Gegenwart 8. September 2023 | 20:00 – 22:00 | POSTCITY | Gleishalle Die Große Konzertnacht ist ein Laboratorium für die Schaffung unerhörter Resonanzräume, die Offenheit, Kooperationsfreude, grenzenlose Lust am Programmieren und das Aufsuchen außergewöhnlicher Konzertorte voraussetzen.
2023 kehrt es in die Gleishalle der POSTCITY zurück. Hier fand 2017 der Urknall der Partnerschaft zwischen dem Bruckner Orchester Linz und seinem neuen Chefdirigenten Markus Poschner statt. Mit einer radikalen Auseinandersetzung mit Bruckners *Sinfonie Nr. 8* begann damals alles. Auch 2023 werden wieder vier Scherzi, vier Tanzstücke aus Sinfonien des heimischen Traditionsavantgardisten Anton Bruckner, der am 4. September seinen 199. Geburtstag feiert. Drehmomente, die sich mit den Klangräumen der isländischen Komponistin und Kontrabassistin Bára Gísladóttir und des österreichischen Rappers Def Ill vermischen.
Am 8. September 2023 | POSTCITY | Gleishalle findet auch die POSTCITY-NIGHTLINE statt. Direkt im Anschluss an das Konzert des Brucknerorchesters Linz wird die Gleishalle zur Bühne für innovative Künstler*innen und ihre Soundexperimente.
Ich habe hier nur einige interessante Punkte herausgegriffen, es werden auch zahlreiche Ausstellungen, Workshops und Diskussionen stattfinden.
Das Ars Electronica Festival 2023 wird sicher wieder spannend. Ich bin jedenfalls dabei und werde wieder berichten.
Max Reinhardt, einer der berühmtesten deutschsprachigen Theatermacher des 20. Jahrhunderts, wird im Herbst 2023 von der Theaterwelt gefeiert. Die Salzburger Festspiele ehren den Theaterzauberer mit der Rekonstruktion eines seiner berühmtesten Projekte: der gefeierten Faust-Inszenierung in der Salzburger Felsenreitschule.
Anlässlich des Jubiläums von Max Reinhardt wurde im Rahmen der Salzburger Festspiele und in Kooperation mit dem ARS ELECTRONICA FUTURELAB, das letzte Salzburger Werk des Regisseurs FAUST neu interpretiert.
Faust VR – Teaser | Ars Electronica Futurelab
Das Ars Electronica Futurelab erweckt die berühmte Rekonstruktion des Bühnenbilds von Max Reinhardts FAUST in einer Virtual-Reality-Anwendung mit Hilfe modernster digitaler Technologien zu neuem Leben. Ein einzigartiges Projekt, das analoge, szenische und virtuelle Realitäten zu einem performativen Parcours verbindet. Der Schlüssel dazu heißt Virtual Reality. Ein einzigartiges Projekt, das analoge, szenische und virtuelle Realitäten in einer Erlebnisführung vereint.
Die Felsenreitschule wurde vor 330 Jahren von Erzbischof Johann Ernst Thun in den Mönchsberg gehauen und vom Barockbaumeister Johann Bernhard Fischer von Erlach entworfen und geplant. Reinhardts Faust-Inszenierung verblüffte im Sommer 1933 mit einer „Faust-Stadt“, die der Architekt und Bühnenbildner Clemens Holzmeister in und um die zahlreichen Arkaden der Felsenreitschule wie eine Bühne auf mehreren Ebenen inszenierte.
Die Besucher*innen der FAUST-Ausstellung betreten mittels VR-Brille direkt auf der Bühne eine Rekonstruktion der Faust- Stadt in der Felsenreitschule. Als Zuschauer*innen und Akteur*innen reisen sie durch die von Clemens Holzmeister inszenierte Stadt.
Margarethe Lasinger von den Salzburger Festspielen hat hierfür eine Dramaturgie entwickelt, die die Besucher*innen an Schlüsselpositionen im virtuellen Bühnenbild von vor mehr als 100 Jahren zu den prägenden Elementen des Stücks führt.
Die Rekonstruktion der Stadt erfolgt auf Basis von Plänen, Fotos und anderen Dokumenten aus dem Archiv des Salzburger Festspielfonds. Eine große Anzahl von Fotos wird perspektivisch entzerrt und teilweise mit KI-Unterstützung qualitativ verbessert. Die Originalaufnahmen werden als Texturen über die manuell erstellte Geometrie gelegt.
Auf diesem Weg werden Detailtreue zum damaligen Bühnenbild und die technischen Einschränkungen von VR-Brillen in Einklang gebracht.
Es ist eine Hommage an die Faust-Inszenierung von Max Reinhardt, der die Felsenreitschule für das Theater entdeckte. Mit modernster Technik wird sie wieder zum Leben erweckt. Der Faust war seine letzte große Inszenierung in Salzburg. Dieses Projekt ist auch Teil des Open Futurelab beim Ars Electronica Festival 2023.
Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Mareike Fallwickl / Uraufführung am Landestheater Salzburg im Rahmen der Salzburger Festspiele 2023
Regisseurin Jorinde Dröse fiel im März 2022 das Buch „Die Wut, die bleibt“ in die Hände und war von dem Thema „Frau und Mutter sein“ so angetan, dass sie es unbedingt auf die Bühne bringen wollte. Die Geschichte nahm ihren Lauf und so überzeugte sie (die scheidende Schauspieldirektorin der Salzburger Festspiele) Bettina Hering und so kam es zur Uraufführung der zweistündigen Inszenierung, die als Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Schauspiel Hannover entstand.
Die Regisseurin Jorinde Dröse erreicht mit ihrer Inszenierung nicht ganz die Kraft des Romans. Eine kurze Nacherzählung ist nicht schlecht, aber auch nicht überzeugend. Aber es ist auch schwer, einen Roman so zu erzählen, wie es im Buch steht.
Katja Haß (Bühne) hat den Wohnraum, der mal Helenes, mal Sarahs Wohnung ist, als schmucklosen Baukasten auf Stelzen gestellt. Oben – wohlgemerkt noch oben – ist also die patriarchalisch organisierte Welt der Familie. Aber unten ist etwas in Bewegung geraten! Dass die Mädchen aufwachen, dass ihr Selbstbewusstsein so positiv wächst, das wird in den Musicalnummern auch visuell ausgedrückt: Die Choreografie stammt von Suzan Demircan.
ZUM THEATERSTÜCK
Die Wut, die bleibt | Trailer 2 | Salzburger Festspiele 2023 SalzburgerFestspiele
Ein Abendessen, wie es in einer Familie normaler nicht sein könnte: Der Tag war lang, in der Wohnung herrscht Chaos. Die Kinder sind nörgelig und laut. Eine einzige Frage bringt die Familie schlagartig aus dem Gleichgewicht. „Haben wir kein Salz?“, fragt Johannes in die Runde. Ganz allgemein, nicht an seine Frau gerichtet, sondern an alle. Es ist eine einfache, eine ganz normale Frage. In diesem Moment steht Helene auf, geht zur Balkontür und stürzt sich ohne ein weiteres Wort in die Tiefe, viele Stockwerke in die Tiefe. Ihrem Mann und ihren drei Kindern wird in den folgenden Wochen schmerzlich deutlich, wie sehr sie als Mittelpunkt die Familie zusammengehalten hat, mit ihrer Fürsorge, ihrer Liebe, ihrem Trost. Wie weiterleben mit dem Gefühl der Schuld, der Trauer, aber auch des Unverständnisses?
Auch Sarah, Helenes beste Freundin, quälen diese quälenden Fragen. Warum hat sie nicht gesehen, wie es ihrer Freundin wirklich geht? Sie will helfen, wenigstens jetzt für die Familie da sein. Als Freundin scheint sie versagt zu haben. Sarah springt in die Bresche, wird zur Stütze für den völlig überforderten Johannes. Sie kümmert sich um den Haushalt, sie kümmert sich um die Kinder. Nur für eine Weile, bis alle wieder festen Boden unter den Füßen haben.
Die eigentliche Hauptfigur ist Lola, die älteste Tochter (Nellie Fischer-Benson). Hin- und hergerissen zwischen Trauerarbeit und pubertärer Selbstfindung ist sie ständig rebellisch. Vehement und argumentativ beginnt sie sich gegen Rollenzuschreibungen zu wehren.
Eine Mädchenbande, angeführt von Lola, setzt sich Wollmützen mit Augenschlitzen auf. Sie beginnen, die Männer zu verprügeln. „Lola rechtfertigt ihr Tun: „Das ist nichts anderes als späte Notwehr. Motto: Schlag selbst zu, sonst tut es keiner. Auch Sarah bekommt schließlich Schützenhilfe von der Mädchengang.
Und so hat Frauensolidarität in diesem Stück am Ende sogar etwas Generationenübergreifendes.
Es gibt noch eine ganze Reihe von Fragen, die das Stück für mich aufgeworfen hat. Zum Beispiel der Selbstmord! Das muss ein langer Schatten gewesen sein.
Gleichberechtigung, dafür hat Alice Schwarzer in den 70er Jahren gekämpft und dafür kämpft sie noch immer. Sie war die meistgehasste Frau ihrer Generation. Wo stehen wir heute? Statt voranzukommen, sind wir wieder stehen geblieben. Was wir brauchen, dass Männer und Frauen an einem Strang ziehen, als Team arbeiten und sich gegenseitig wertschätzen (Wertschätzung ist ein Wort, das viel zitiert, aber selten gelebt wird!), ist noch nicht wirklich im 21. Jahrhundert angekommen. Man muss bereit sein, sachliche Diskussionen zu führen, um voranzukommen. Was ist mit den alleinerziehenden Frauen? Auch das ist ein gesellschaftliches und politisches Problem.
Noch bis zum 29. August 2023 ist der Roman „Die Wut, die bleibt“ im Rahmen der Salzburger Festspiele im Landestheater Salzburg zu sehen. Sie können sich aber auch das Buch „Die Wut, die bleibt“, dass im Rowohlt Verlag erschienen ist, zu Gemüte führen.
Bohuslav Martinůs Oper The greek Passion wird in diesem Jahr erstmals bei den Salzburger Festspielen aufgeführt. In seiner dritten Salzburger Inszenierung nach Aribert Reimanns Lear und Luigi Cherubinis Medea wagt sich Simon Stone an dieses laut Intendant Markus Hinterhäuser „große musikalische Meisterwerk“. Sein Debüt am Pult der Wiener Philharmoniker gibt Maxime Pascal, der mit seinen Salzburger Dirigaten von Wolfgang Rihms Jakob Lenz und Arthur Honeggers Jeanne d’Arc au bûcher in den Fokus von Markus Hinterhäuser rückt.
am 07.08.2023 Maxime Pascal – während des TerrassenTalks auf der Presseterrasse, Festspielhaus, Salzburg, Österreich Foto: JAN FRIESE –
Maxime Pascal beschreibt seinen Zugang zum Werk Martinůs folgendermaßen: „Meine erste Begegnung mit Martinů hatte ich während meines Studiums am Pariser Konservatorium. Da erinnerte ich mich, dass ich als Student viel mit Martinůs Kammermusik zu tun hatte. Denn die wird in Frankreich oft für das Studium herangezogen.“ Intendant Markus Hinterhäuser schlug ihm Martinůs Oper The Greek Passion vor. „Es ist merkwürdig, Markus hat immer ein Gespür dafür, was zu mir passt. Er muss ein besonderes Gespür haben“.
Die musikalische Vielfalt, in der tschechische, byzantinische und orthodoxe Hymnen anklingen, beschreibt Maxime Pascal: „In dieser Oper spielt Martinůs Interesse an Spiritualität und Träumen eine zentrale Rolle. Dies spiegelt sich auch in der Musik wider, die sowohl westlich-christliche als auch anatolische Melodien und traumhafte Elemente enthält, die Assoziationen wecken“.
Zum Inhalt des Stücks sagt Simon Stone: „Wichtig für das Verständnis ist auch, dass Martinů selbst ein Flüchtling war und seine eigenen künstlerischen Möglichkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg stark eingeschränkt waren. Er musste selbst Asyl suchen – man hört in der Musik, wie wichtig für ihn der Stoff von Kazantzakis war, der sich seinerseits auch stark mit den Themen Staaten- und Heimatlosigkeit beschäftigt hat. So ist ein Stück entstanden, das zeitlos und modern zugleich ist. Deshalb ist es auch für uns heute relevant. Was Kazantzakis geschrieben hat, hat Martinů durch seine Musik, die archetypische und moderne Formen verbindet, noch verstärkt. Das ist eine Botschaft an uns alle“.
Simon Stone hält den religiösen Hintergrund des Librettos für wichtig: „Die Figuren des Manolios und des Grigoris zeigen den Gegensatz zwischen der Macht der Religion auf der einen Seite und der Macht eines einzelnen Menschen in der Person des Priesters – insbesondere innerhalb dörflicher Strukturen – auf der anderen Seite“. Gleichzeitig gehe es um das Ausloten von Grenzen und die Diskrepanz zwischen politisch verordneter Unterdrückung von Großzügigkeit und menschlich intuitiver Hilfsbereitschaft in der heutigen Zeit. „Martinůs Musik widersetzt sich diesem Unterdrückungsversuch – sie ist ein Plädoyer für Menschlichkeit“.
Die Premiere findet am 13. August 2023 in der Felsenreitschule Salzburger Festspiele 2023 statt.
Es handelt sich um eine Kinderoper nach dem Libretto von Colette „L’Enfant et les sortilèges“ von Maurice Ravel (1875-1937), ins Deutsche übersetzt von Egon Bloch. Eine Neuproduktion in der Inszenierung von Anna Handler (Musikalische Leitung), Giulia Giammona (Regie) (Oper für Kinder ab 6 Jahren).
Ich hatte die Gelegenheit, diese Kinderoper im Salzburger Schauspielhaus zu sehen. Es ist eine beeindruckende Kinderoper, bei der auch das Publikum (in diesem Fall die Kinder) teilweise mit einbezogen wurde, indem Fragen gestellt und Antworten erwartet wurden.
Ausschnitt aus der Handlung: Das Kind lebt gut behütet von seinen Eltern in einem silbernen Turm mit vielen Spielsachen. Das Kind brütet missmutig über seinen Hausaufgaben, die Mutter schimpft – ein Streit, Türenknallen, Hausarrest und ein wütender Tobsuchtsanfall. Über den Hausarrest und die vielen Hausaufgaben wird das Kind so wütend, dass es sein Zimmer verwüstet. Erschöpft sinkt das Kind in den Sessel.
Die beschädigten Objekte lassen sich das nicht gefallen. Wie von Geisterhand erwachen sie zu neuem Leben: Polstersessel, Sessel, Standuhr, Teekanne und Teetasse ärgern sich über die Sorglosigkeit des Kindes.
Was passiert, wenn man sich im eigenen Garten nicht mehr auskennt? Und wie kann man dem Spuk ein Ende bereiten? Zum Glück gibt es ein Zauberwort…
Währenddessen trauern die Kinder draußen um die zerstörten und weggeworfenen Kuscheltiere. Schließlich erscheint eines der Kinder von draußen im Zimmer des Kindes: Es nennt sich Eichhörnchen und das Kind folgt ihm nach draußen. Dort lernt das Kind die anderen Kinder kennen, die ohne Eltern leben und sich – wie das Eichhörnchen – Tiernamen gegeben haben.
Die anderen Kinder machen das Kind für die Zerstörung der Kuscheltiere verantwortlich und es kommt zum Streit. Als das Kind den anderen zeigt, wie man die Kuscheltiere wieder heilen kann, sind die elternlosen Kinder erstaunt: „Das Kind hat Mut, es tut Gutes!“ Das Kind wird Teil der Kindergemeinschaft. Alle werden Freunde.
Giulia Giammona hat diesen Zugang zur Geschichte – die verschiedenen Welten, die das Kind im Laufe des Stücks durchquert – bewusst gewählt: Es ist eine Auseinandersetzung mit den Eigenschaften eines Kindes von heute. Die Inszenierung wirkt zunächst wie eine verwirrende Aneinanderreihung von Szenen und Figuren, gleichzeitig bleibt das Kind aber immer Kind und wechselt auch sein Kostüm nicht.
Ein guter Begleiter ist das Eichhörnchen, dessen Käfig den „goldenen Käfig“ symbolisiert, in dem das Kind in einer Reizüberflutung gefangen ist.
Als die anderen Figuren auftauchen, auch die Tiere, von denen es sich beschuldigt fühlt, beginnt das Kind zu verstehen, dass seine eigenen Handlungen andere beeinflussen. Die Tiere, denen das Kind begegnet, leben in einer anderen Welt als im Kinderzimmer.
In der Verschmelzung dieser beiden Sphären wird deutlich, dass das Kind Verantwortung übernehmen muss, dass es nicht einfach in seine „alte“ Welt zurückkehren kann. Seine Wut ist der Aufhänger für die Aufforderung: „Seid mutig und geht auch mal raus!“
Prädikat: Einen Besuch wert
Die Kinderoper kann bis zum 27. August 2023 noch besucht werden. Das Programm finden Sie hier.
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