HUMANS AND DEMONS!

The festival is open, “steirischer herbst” 2023.

Die diesjährige Eröffnung des „steirischen herbstes“ fand auf dem höchsten und symbolträchtigsten Punkt der Grazer Innenstadt, dem Schloßberg, beim historischen Uhrturm statt.

Lulu Obermayer, Agoraphobia (2023), Performance, Foto: steirischer herbst / Johanna Lamprecht 

Dort steht ein imposantes Denkmal eines nackten Soldaten, der mit dem Rücken zur Wand steht. Tourist: innen und Grazer: innen schenken ihm nicht allzu viel Aufmerksamkeit, denn sein aggressives Heldentum aus dem Jahr 1932 passt nicht so recht in die heutige Zeit.

Denkmal des „nackten Soldaten“ aus dem Jahr 1932 / Foto: © Christa Linossi

Die Intendantin Ekaterina Degot und die Künstlerin Lulu Obermayer beziehen sich mit einer Rede und einer Opernperformance auf diese dämonische Figur der Vergangenheit.

Lulu Obermayer, Agoraphobia (2023), Performance, Foto: steirischer herbst / Johanna Lamprecht 

Bei „Menschen und Dämonen“ geht es nicht um „Gut und Böse“. Nein, bei „Menschen und Dämonen“ geht es vielmehr um „den Ist-Zustand und das Böse“.

Lulu Obermayer inszenierte eine Opernperformance mit kurzen Textauszügen aus der Weltliteratur (Goethe, Heine) und aus Opern (Verdi, Boccanegra, Bach, Schuhmann, Schubert) zu diesem politischen Thema. Die Inszenierung begann mit einem Chor, der nach oben blickte. Lulu trat auf einer Hebebühne auf und führte Dialoge mit dem Chor. Dann kam eine weitere Hebebühne mit einem Opernsänger und einem weiteren Opernsänger auf der Hebebühne ins Spiel. Alle drei inszenierten sich zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Gut und Böse. (Lulu Obermayer (1989, München, Deutschland) ist eine Künstlerin, deren Praxis sich zwischen Oper, Theater, Performancekunst und Tanz bewegt. Sie nutzt den europäischen Kanon als Reibungspunkt, um das verborgene Potenzial weiblicher Charaktere aufzudecken, dominante Erzählstränge umzuwandeln und unsichtbar gemachte Perspektiven freizulegen)

Wir wissen, was schrecklich ist, aber wir sind oft unfähig zu sagen, was gut ist: Gut für den Planeten im nächsten Jahrhundert? Gut für den legitimen Sieg über den Aggressor oder für den sofortigen Friedensvertrag mit dem Aggressor? Für unsere öffentliche Ablehnung der Diktatur oder für die Sicherheit unserer Familie, die immer noch unter dieser Diktatur lebt?

Das sind schwierige Entscheidungen, die keinen Aufschub dulden. Sie müssen inmitten von Kriegen, Krisen oder zunehmender politischer Unterdrückung getroffen werden. Es scheint, dass das „Böse“ universell geworden ist und uns überall bedroht, während das „Gute“ relativ ist und in die Privatsphäre verbannt wurde. Es beruht auf einer sehr persönlichen Vorstellung davon, was unter den gegebenen Umständen richtig ist.

Für die dissidente Stimme der Kunst, für die Stimme der Ungehorsamen, der Anderen, derer, die sich wie Kundera (Milan Kundera Schriftsteller) mit seinen seltsamen poetischen Geschichten den Fallen der engelhaften Didaktik und des dämonischen Teufelsdenkens entziehen, hat sich der steirische herbst immer eingesetzt. Wenn wir glauben, in unserer kleinen und sicheren freien Welt gäbe es keinen Grund mehr, für eine solche Stimme der Kunst zu kämpfen, dann irren wir uns, oder wir könnten uns sehr bald irren.

Es ist Zeit für die Stimme.

Agoraphobia (2023), Performance, Foto: © Christa Linossi

Das war jetzt nur ein kurzer Rückblick auf die Eröffnung, aber der „steirische herbst“ hat noch viel mehr zu bieten. Da war zum Beispiel die Performance in der Annenstraße, die mir auch sehr gut gefallen hat. Die slowenische Choreografin Mateja Bučar inszenierte in der Annenstraße eine choreografische Intervention, die sich mit der erschütternden Grazer NS-Vergangenheit auseinandersetzte, die tiefe Narben in der Stadt hinterlassen hat. Die Annenstraße war eine belebte Einkaufsstraße mit vielen Geschäften jüdischer Familien. Vorübergehend für den Verkehr gesperrt und von Autos und Straßenbahnen leergeräumt, bot Mateja Bučar eine eindrucksvolle Kulisse für seine Menschenkette, die die Hauseingänge verband, aus denen die jüdischen Geschäfte entfernt worden waren.

Erwähnenswert sind auch Ausstellungen wie DEMON RADIO in der Hilmteichstraße. In einem ansonsten noblen Villen- und Institutsviertel steht ein heruntergekommenes Callcenter eines Mobilfunkanbieters. Es wurde zum DEMON RADIO umgebaut. Eine allgegenwärtige, charismatische Figur namens Dr. Jazz geistert durch das Gebäude.

Das Archiv von Dr. Jazz, kuratorische Intervention, Demon Radio, Foto: steirischer herbst / kunst-dokumentation.com

Oder VILLA PERPETUUM MOBILE als fiktive Vorstellung: Das Forum Stadtpark, eine langjährige Partnerinstitution des steirischen herbst, wurde 1959 von Kulturschaffenden gegründet und ist ein interdisziplinäres Bollwerk der Gegenwartskultur – Wohnort eines Dissidenten an mehreren Fronten: des Physikers, Dichters und zeitweiligen Psychiatriepatienten Stefan Marinov (1931-1997).

Villa Perpetuum Mobile​, Forum Stadtpark, Ausstellungsansicht, Foto: steirischer herbst / kunst-dokumentation.com

CHURCH OF RUINED MODERNITY im Minoriten Zentrum und im Minoriten Kloster, das zu einem Ort der Ausstellung und der Begegnung zwischen Religion und moderner Kunst geworden ist. Die Ausstellung ist der Künstlerin Mira Schendel (1919-1988) gewidmet. Das Kloster wurde schon früh in seiner Geschichte als Ausstellungsort genutzt.

Eteri Nozadze, Flussschifffahrt (2023), Installationsansicht, Church of Ruined Modernity, Minoritenkloster und Minoritenzentrum Graz, Foto: steirischer herbst / kunst-dokumentation.com, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Der steirische herbst findet noch bis 15.10.2023 mit zahlreichen Veranstaltungen statt. Siehe https://www.steirischerherbst.at/de/