DAS BERGWERK ZU FALUN von Hugo von Hofmannsthal bei den Salzburger Festspielen Sommer 2021

Eine echte Rarität des Festspielgründers Hugo von Hofmannsthal ist heuer im Festspielsommer 2021 zu sehen. Jossi Wieler wird das Werk heuer in Szene setzen. Der Schweizer Regisseur ist bei den Salzburger Festspielen seit 1998 wiederholt in Erscheinung getreten: als Schauspielregisseur (Uraufführungen von Jelinek, Handke, Zweig) sowie mit Sergio Morabito als Opernregisseur (Ariadne auf Naxos, Rusalka).  Mit Ariadne auf Naxos – von der Zeitschrift Opernwelt zur Aufführung des Jahres 2001 gekürt – inszenierte Wieler bereits ein Werk auf Basis eines Librettos von Hofmannsthal.

Die Salzburger Festspiele führten ein Interview mit dem Schweizer Regisseur Jossi Wieler über das Werk von Hugo von Hofmannsthal

Jossi Wieler führt in Hugo von Hofmannsthals Das Bergwerk zu Falun Regie. Foto: Bernd Uhlig

 Handlung Hugo von Hofmannsthal Das Bergwerk zu Falun

Von einer seiner Seefahrten heimgekehrt, wird der Seemann Elis Fröbom von einer tiefen Teilnahmslosigkeit befallen. Im Zustand eines Lebensekels, der sich bis zur Todessehnsucht steigert, wird er von einem düsteren Unbekannten aufgesucht. Der alte Torbern weist ihm den Weg in das tief unter der Erde liegende Reich der Bergkönigin – eine prachtvolle, Welt, die Elis ebenso beängstigt wie anzieht. Als Herrscherin über ein zeitloses Reich, welches „das Menschliche mit Füßen stößt“ und seine Besucher gleichzeitig mit ihren verborgensten Wünschen konfrontiert, stellt die Bergkönigin Elis in Aussicht, für immer bei ihr zu bleiben. Zuvor soll er jedoch als Bergmann leben, um sich in der Tiefe des Berges von allen menschlichen Sehnsüchten zu befreien. Diesem Befehl folgend begibt sich Elis nach Falun, wo er in den Dienst des Bergwerkbesitzers Dahljöh tritt. Als Bergmann lebt er bei Dahljöh, dessen Tochter Anna und ihrer blinden Großmutter und findet ein neues Zuhause. Als sich Elis in die fröhliche, lebenszugewandte Anna verliebt und diese seine Liebe erwidert, soll die Hochzeit geplant werden. Doch das Reich der Bergkönigin hat seine Faszination nicht verloren..

Herr Wieler, Das Bergwerk zu Falun zählt zu Hofmannsthals Frühwerken und wird nur selten gespielt. Warum bringen Sie es nun auf die Bühne?

Das Bergwerk zu Falun ist ein Drama, das in ganz eigenen Bildern und Motiven nach dem Sinn des Lebens fragt. Hofmannsthal entführt uns in eine morsche Welt, die dem Tod geweiht ist. Elis, dieser junge Bergmann, sucht nach seiner Identität, nach seiner Heimat und seiner Zugehörigkeit. Möglicherweise hat Hofmannsthal sich sogar mit dieser Figur identifiziert, die auch ein Künstler sein könnte. Die Geschichte wird noch dazu in einer gebundenen Sprache – als Versdrama – erzählt, die für unsere Ohren gar nicht mehr so vertraut ist. Es reizt mich, das für heute zum Klingen zu bringen. Ich suche in meiner Arbeit immer den Klang eines Werks, in die Partitur hineinzuhören und das für heute Relevante hervor zu bringen.

Können auch Sie sich mit Elis identifizieren? Oder fühlen sich einer der anderen Figuren sehr nahe?

Wenn man ein Stück inszeniert, ist es immer gut, wenn einem alle Figuren nahekommen. Um die Figuren erzählen und in ihre Tiefen hineingehen zu können, sollte man sie alle lieben. Hofmannsthal hat aber einige in diesem Stück reicher ausgestattet. Und so kann ich sagen: Ja, die Figur des Elis ist mir nahe. Er ist ein Sinnsucher; einer, der versucht seinen Weg in dieser sich verändernden Welt zu finden. Er ist jemand, der sich mit Fragen des Lebens, mit Fragen des Todes philosophisch auseinandersetzt. Die anderen Figuren sehe ich mitunter als seine Verlängerungen oder auch Spiegelungen von ihm. Der alte Tobern beispielsweise – er ist eine merkwürdige Figur – ein Untoter, der aus einer früheren Zeit wieder ins Leben zurückkommt und Elis verführt. Das ist unheimlich, auf eine depressive Art und Weise, aber auch auf eine sehr lebendige.

Reflektiert das Stück auch etwas aus unserer Gegenwart, aus dem Jetzt?

Ja, und das nicht nur an der Oberfläche. Das Stück erzählt über einen Zeitfluss, über die Dekadenz einer Zeit. Es geht darum, dass etwas in Bewegung ist, was nicht mehr aufzuhalten ist – eine Bewegung, bei der alle Menschen, nicht nur die Hauptfigur Elis, nach dem Sinn des Lebens suchen. Es gibt Verführungen in dieser Welt – etwa eine Bergkönigin, die versucht Elis in ihre Welt zu verführen. Das hat geradezu etwas Demagogisches, etwas politisch Gefährliches – wenn man das so deuten möchte. Aber wie alle Märchen, wie alle Mythen ist es nicht so eindimensional. Es gibt nicht nur eine einzige Antwort auf die jeweiligen Fragen, die da gestellt werden.

Wie arbeiten Sie mit dem Ensemble zusammen?

In diesem Werk folgt Szene auf Szene und manche Figuren begegnen sich nie. Wir werden jedoch einen Rahmen finden, in dem das vielleicht ein bisschen anders ist, in dem wir etwas kollektiver im Prozess arbeiten. Dennoch wird jede Figur natürlich sehr deutlich sichtbar sein. Gerade ein solches Stück sollte wie ein Kammerspiel oder vielleicht wie eine Klang-Improvisation wirken, in der man miteinander die Sprache Hofmannsthals und die Geschichte sinnlich erfahrbar macht.

Wir haben ein extra für diese Produktion besonders ausgewogenes Ensemble ausgewählt. Elis wird von Marcel Kohler gespielt, ein junger Protagonist am Deutschen Theater in Berlin. Anna wird von Lea Ruckpaul gespielt, die in Düsseldorf im Ensemble ist. André Jung spielt mit, er ist mir als Schauspieler sehr vertraut und ein guter Freund. Er hat mehrfach in Salzburg gespielt und ist auch Nestroypreisträger. Und die große Hildegard Schmahl wird ebenfalls dabei sein neben anderen besonderen Künstlerinnen und Künstlern.

Können Sie uns noch mehr zum inszenatorischen Ansatz verraten?

Die Welten, die Hofmannsthal entwirft, sind sehr illusionistische Welten, die fast filmischen Charakter haben. Sie auf der Bühne zu illustrieren wäre eher langweilig. Wir werden andere Umsetzungen finden. Ich möchte gerne einen Rahmen finden, damit die Geschichte, diese Identitätssuche, die im Werk eingeschrieben ist, Relevanz bekommt. Hofmannsthal hat mit dem Werk 1899 begonnen und es erst 1911 zu Ende geschrieben. Das Stück wurde nicht zu seiner Lebzeit aufgeführt, es kam erst posthum – nach dem zweiten Weltkrieg – zur Uraufführung. Mit dem Werk ist kurioserweise etwas Ähnliches passiert, was auch mit dem Leichnam, des Bergmanns passiert ist: Dass es erst nach Jahrzehnten ans Licht der Bühnenwelt geborgen wurde.

Ich denke, die Art und Weise wie die Figuren miteinander umgehen und wie deren Sprache klingt, entstand auch aus dem Gefühl heraus, dass sie in keiner sicheren Zeit leben. Der Erste Weltkrieg dräute. Dieses Unbehagen ist im Werk zu finden. Es geht andererseits aber auch tief in die Psyche von Figuren. Nicht von ungefähr arbeitete zeitgleich Sigmund Freud in Wien, als Hofmannsthal dies schrieb – ein Einfluss, der in diesem Werk sehr spürbar ist.

Was verbindet Sie mit dem Autor Hugo von Hofmannsthal?

Es ist das erste Mal, dass ich ein Schauspiel von Hofmannsthal inszeniere. Aber ich habe mich viel mit Hofmannsthal beschäftigt. Er ist ein großer Schriftsteller, ein begnadeter Künstler. Die Tatsache, dass er mit Richard Strauss und Max Reinhardt zusammen die Festspiele gegründet hat – das hat etwas initiiert, was bekanntermaßen und wundersamerweise bis heute Bestand hat. Es gibt in Salzburg eine einzigartige Atmosphäre; es gibt nicht nur einen Genius loci, nicht nur Mozart, sondern viele Künstler, die hier gelebt, geschrieben, komponiert und gespielt haben. Das finde ich jedes Mal beflügelnd an diesem Ort – und nicht von ungefähr kehren auch so viele Künstlerinnen und Künstler immer wieder zurück. Auch ich arbeite immer wieder gerne in Salzburg.

Ist das Publikum der Salzburger Festspiele ein besonderes?

In Salzburg kann man als Künstler konzentriert und frei arbeiten. Unter besonderen künstlerischen Bedingungen. Man hat das Gefühl, dass auch das Publikum, das zu den Festspielen kommt, offen ist für den Festspielgedanken und für Preziosen, die da erfunden

werden. Ich habe 1998 eine Uraufführung von Elfriede Jelinek (Er nicht als er) in Salzburg gemacht und es war einzigartig, zu erleben, welch großes Interesse da zu spüren war. Oder auch bei unserer Ariadne auf Naxos: wie offen das Publikum darauf reagiert hat, vielleicht gerade deshalb, weil unsere Lesart des Werks eine neue war. Ich habe das Gefühl, dass das Publikum in Salzburg sich gerne verführen lassen möchte – in Welten, die nur das Theater erfinden kann.

Wie ist es Ihnen in der Corona-Krise ergangen? Haben die aktuellen Entwicklungen Einfluss auf Ihr künstlerisches Schaffen?

Das Bergwerk zu Falun liest sich auf der Folie der Corona-Krise anders als noch vor einem Jahr. Dieser düstere Märchenstoff gewinnt einen zusätzlichen, vielleicht relevanteren Assoziationsradius, der uns in der Arbeit unweigerlich begleiten wird. Natürlich hoffen wir alle, dass man im Sommer wieder so befreit wie vor Corona-Zeiten wird Theater machen können – frei in Kopf und Körper, wie die Kunst es zum Überleben braucht. Und wir erst recht!


DAS BERGWERK ZU FALUN

Hugo von Hofmannsthal (1874 – 1929) DAS BERGWERK ZU FALUN

Drama Neuinszenierung Premiere: 7. August im Landestheater