steirischer Herbst 2015 GrazMuseum

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ein Besuch im GrazMuseum

Auch der steirische herbst 2015 neigt sich wieder dem Ende zu. Ich besuchte die Ausstellung Hall of Half-Life im Festivalzentrum im GrazMuseum.

Hauptthema des steirischen herbstes ist heuer Back to the Future Rückblick und Blick in die Zukunft. Hall of Half-Life schwer zu übersetzen Raum der Halbwertzeit, ist von Zeugnissen der Vergangenheit umgeben und gibt einen Blick auf eine Archäologie der Zukunft frei. Es stellt sich auch die Frage, wie werden künftige Generationen mit den atomaren Abfällen, die noch tausende Jahre radioaktive Strahlungen abgeben, damit abgeben. Werden die nächsten Generationen die heutigen Atommülllager als solches erkennen? Welche Materialien und Botschaften könnten Bestand haben, selbst wenn dem Wandel der Zeit und der Evolution des Lebens unterworfen sind?

Diese Ausstellung wählte ich bewusst aus, betrifft sie uns doch alle und Hall of Half-Life erkundet das Terrain jener Markierungen, Bedeutungsträger, Monumente, Ruinen und Brachen, die man als Inschriften der heutigen Zeit verstehen kann.

orizzontale Spin-Off Foto: J.J. Kucek

orizzontale
Spin-Off
Foto: J.J. Kucek

orizzontale Spin-Off Foto: J.J. Kucek

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Spin-Off
Foto: J.J. Kucek

orizzontale Spin-Off Foto: wolfgang silveri

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Spin-Off
Foto: wolfgang silveri

Betritt man die Ausstellung, erwartet einem die orizzontale Spin-Off, der Besucher fragt sich, was könnte das sein? Es handelt sich hier um das gelandete Raumschiff im GrazMuseum. Eine Inszenierung des italienischen Architekturkollektiv als retro-futuristische Raumstation. Während im Innenhof des GrazMuseum eine Reise zu bislang unerforschten Sonnensystemen visualisiert wird, kann man im Bauch der Raumstation ein galaktisches Mixgetränk konsumieren um sich dann in den nächsten 1 ½ Etagen mit Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen.

Die australische Künstlerin Mikala Dwyer ((*1959 Sydney) bahnt sich einen Weg zwischen dem bergmännischen Erbe von Vordernberg und beherrscht den Flur im zweiten sie ein Werk, das ebenso von dem Material und dem Sedimentbefund der Steine wie auch von der hypothetischen Wirkkraft der Energie beeinflusst ist. An den Wänden erstreckt sich ein großes Wandgemälde, ein Querschnitt, der sich auf die Sedimentschichten im Erdboden unter unseren Füßen bezieht. In der Mitte bezieht sich eine Skulptur auf eine Abstraktion des Naturwunders von Vordernberg – dem meteoritenähnlichen geschmolzenen Gestein im Ofenstock. Dramatisch beleuchtet als Teil ihrer Installation, erscheint das geschmolzene Gestein (aus durchsichtigem Kunststoff zusammengeschweißt) wie ein Meteorit von einer anderen Galaxie und nicht wie ein Relikt des Industriezeitalters.

Künstler : Mikala Dwyer Foto: Christa Linossi

Künstler : Mikala Dwyer
Foto: Christa Linossi

Mit dem Wegfall der Bergbauindustrie vor Ort schwand auch die Arbeitskraft der kleinen Industriestadt Vordernberg. (In Vordernberg schaffte die Künstlerin für den steirischen Herbst eine Installation im Radwerk III sowas wie eine temporäre Pilgerstätte. Vordernberg liegt in der oberen Steiermark zwischen Eisenerz und Trofaiach) und nahm heuer erstmals am steirischen Herbst teil.

Im nächsten Raum, baumeln viele Besen (71 an der Zahl) von der Decke herunter. Was will der Künstler uns vermitteln? Es ist eine Installation des kanadischen Künstler Geoffrey Farmer (born 1967) is a Canadian artist based in Vancouver) Diese Installation ist ein Auftragswerk des steirischen Herbst 2015. Zwischen den Besen im Raum hängt am Ende bzw. steht bereits am Fußboden der Teufel. Warum der Teufel, deuten die Besen zwischen Himmel und Hölle? Was will der Künstler mit Anfang und Ende damit erläutern?

Geoffrey Farmer / Foto: Christa Linossi

Geoffrey Farmer Foto: Christa Linossi

Es könnte auch sein – der Besen eigentlich ein Gebrauchsgegenstand, der durch das Zusammenkehren von Schmutz und Unrat am Boden alles säubert – die Welt säubern soll, jedoch erreicht der Besen nie den Boden und somit lebt die Welt in Schmutz und Unrat weiter. Statement des Künstlers zum Besen: “Der Besen wird einen Raum finden, und der Raum wird ein Buch finden. dann wird das Grab einen Besen finden, der Besen einen Raum. Und dann beginnt wieder alles in umgekehrter Reihenfolge und endet in einer Kehrbewegung zur Schaffung eines Geräuschs – dem Geräusch von Borsten auf einer Fläche, ein Zeichen, dass etwas getan werden muss.    „When sweeping with your cosmic broom, sweep us out of your mouldy ruts“, „Als fegt mit kosmischen Besen, fegen Sie uns aus Ihrem verschimmelten Furchen“. (Diese Arbeit ist Teil eines laufenden Projekts, das von Artangel, London, entwickelt und unterstützt wird)

Im nächsten Raum ein riesengroßes Schaubild an der Wand der spanischen Künstlerin Regina de Miguel. Es handelt es sich hier um Collagen. Von zentraler Bedeutung bei De Miguel’s Methode sind Daten. Sie sammelt und verwendet sie, analysiert sie und trickst sie sogar aus. Die in The last term that touches the sight (ISOLATION) & (ANXIETY) enthaltenen Daten entstammen Eurostat, sie sind aus einer Statistik, die auf der Grundlage von Therapiesitzungen mit Menschen erhoben wurden, die depressiv sind, Verzweiflung, Angst, Trauer und Einsamkeit empfinden. Genau diese Gefühlszustände erzeugen auf De Miguel’s Arbeit eine Art Bild, in diesem Fall einen Eisberg. Betrachtet man dieses Werk ohne Vorwissen, dann erkennt man einen in seiner kantigen Schönheit den Eisberg. Die Fakten hinter dieser computergenerierten statistischen Karte lassen eben Bilder entstehen. Obwohl sie keine Koordinaten liefert oder uns erzählt, was das Schaubild darstellt, ist die Bedeutung durch den Text, der unten prangt, klar: ISOLATION.ANXIEDTY – EINSAMKEIT.ANGST.

Regina de Miguel The last term that touches the sight (ISOLATION) Foto: Gudrun Becker

Regina de Miguel
The last term that touches the sight (ISOLATION)
Foto: Gudrun Becker

Widerum Jean-Luc Moulènes (1955 geboren und lebt in Paris) Arbeiten bedienen sich geschickt einer schier endlosen Bandbreite von Formen und Materialien. In diesem Fall handelt es sich um Tonskulpturen. Die drei Skulpturen liegen in der Ausstellung auf blauen, zusammengelegten Umzugstüchern. Die Formen haben von Anbeginn an eine seltsame Legitimität, sie sind Abdrücke nach Formen der Populärkultur: Sie sind durch den materiellen Prozess der Schöpfung verunstaltet. Jean-Luc Moulène hat halloweenähnliche Masken auf der ganzen Welt gekauft, ihre Öffnungen zugenäht, die Innenseite der Maske nach außen gekehrt und sie dann mit einer Mischung aus Beton und Sand gefüllt. Bei diesen Skulpturen soll es sich um Laura Bush, George Walker Bush und George Herbert Walker Bush handeln. Eine Erinnerung an eine politische Dynastie. Die Klumpen, die auf Umzugstüchern am Boden liegen, sind nicht länger Bush, Bush und Bush, sie sind Betonskulpturen einiger gräulicher, enthaupteter Figuren aus der Vergangenheit. Die Enthauptung ist schließlich auch in diesem neuen Jahrhundert wieder zum beherrschenden Bild des Schreckens geworden.

Jean-Luc Moulène Laura Bush, George Walker Bush, George Herbert Walker Bush Foto: Gudrun Becker

Jean-Luc Moulène
Laura Bush, George Walker Bush, George Herbert Walker Bush
Foto: Gudrun Becker

Eine Ausstellung die darauf hinweist, dass sich nicht nur das Klima verändert, sondern auch die Epoche sowie unser Verhältnis zur Zeit. Entwicklungsprozesse bilden den dramatischen Rahmen der Ausstellung.

Für mich waren Geoffrey Farmers Besen, die beste Installation in dieser Ausstellung. Warum? Diese Installation drückte für mich am meisten aus.