Neuinszenierung der Oper „Káťa Kabanová“

Es gibt bereits erste Einblicke in die Neuinszenierung der Oper KÁTA KABANOVÁ Regie: Barrie Kosky er wird in seiner Neuinszenierung von Leoš Janáčeks Káťa Kabanová den Gegensatz und die Spannung zwischen der Protagonistin und ihrer beengenden Lebenswelt verdeutlichen.

Wer ist Barrie Kosky? Er ist ein deutsch-australischer Opern- und Theaterregisseur, geboren 18.2.1967 in Melbourne. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Barrie Kosky / © Foto: Jan Windskzus

Nachstehend Ausschnitte aus dem Gespräch:

Regisseur Barrie Kosky im Gespräch mit den Salzburger Festspielen (15.2.2022)

Ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen, 2019 mit Offenbachs Orphée aux enfers, war ein rauschhafter, höllischer Spaß und wurde zu einem Triumph. Nun hat Sie Intendant Markus Hinterhäuser eingeladen, nach Salzburg zurückzukommen …

Und ich sagte sofort: „Ja, aber lass uns das Gegenteil von Orpheus machen!“ – Wir haben gemeinsam überlegt, was das Gegenteil sein könnte. Markus schlug schließlich vor: „Janáček!“, und ich antwortete: „Káťa!“ Die Oper steht seit Langem auf meiner Liste von Stücken, die ich inszenieren will – und zwar weit oben, unter der Kategorie „Juwelen“. Außerdem ist es für mich wichtig, immer wieder zwischen den Genres zu wechseln: Ich mache jetzt eine kleine Operetten-Pause.

Haben Sie einen besonderen Bezug zu Janáček?

Tatsächlich war Káťa die erste Janáček-Oper, die ich in meiner Heimat gesehen habe. (Ja, richtig, Janáček wird auch in Australien gespielt!) Ich erlebte die Oper als Fünfzehnjähriger in Melbourne und kann mich gut erinnern, wie sehr mich die Musik sofort begeisterte.

Was ist das Außergewöhnliche an dieser Musik?

Janáček ist nicht nur durch seine Art zu komponieren einzigartig im Opernrepertoire, er durchlebte auch ein sehr interessantes Kapitel der Musiktheatergeschichte. Er wurde 1854 geboren – ein Jahr nach der Uraufführung von La traviata und in der Zeit, als Wagner den Text von Rheingold fertigschrieb. Gestorben ist er wiederum 1928, ein paar Jahre nach der Premiere von Wozzeck und ein Jahr, nachdem Oedipus Rex uraufgeführt worden war. Er saß also zwischen diesen Göttern – zwischen Verdi und Wagner, im 20. Jahrhundert dann zwischen Berg und Strawinsky – und fand in dieser Gesellschaft zu seiner ganz eigenen Sprache. Er ist einer der Komponisten, bei denen man einen einzigen Takt hört und sofort weiß: Das ist Janáček. Zugleich hatte er ein unglaubliches Verständnis und Gespür für Musiktheater. Jenůfa, Makropulos, Totenhaus – seine Sujets und die Art und Weise, wie er sie in Musiktheater verwandelt, sind ungemein fesselnd. Dabei dauern seine Opern kaum länger als anderthalb Stunden. Sie sind wie ein Destillat, wie Hühnersuppe – man nimmt die Knochen und das Gemüse und kocht sie so lange, bis man diese konzentrierte, herrlich goldene Suppe hat: So geht Janáček mit der Musik und dem Drama vor. Er drückt daher oft in zwei Takten oder einer Phrase aus, wofür andere Komponisten zwei Seiten benötigen. Das ist bemerkenswert.

Und immer wieder stellt er Frauenfiguren ins Zentrum seiner Opern.

Einerseits hat Janáček Figuren wie das Füchslein, Jenůfa, Emilia Marty oder Káťa geformt, die im Musiktheater des 20. Jahrhunderts einzigartig sind und zu den faszinierendsten Frauenrollen aller Zeiten zählen. Andererseits hatte er im Privatleben ein echtes Problem mit Frauen, und sein Umgang mit ihnen war ziemlich grenzwertig und unkoscher …

Für Ihre Inszenierung von Janáčeks Oper Aus einem Totenhaus wurden Sie mit dem Faust-Theaterpreis ausgezeichnet. Was macht Janáček für einen Regisseur so interessant?

Die Herausforderung ist, dass alles nackt – im Sinne von exponiert – ist. Es gibt bei Janáček keine Möglichkeit, sich in der Musik oder in dem Drama zu verstecken. Es ist, als würde man unmittelbar in die Menschen hineinblicken: Man sieht nur Knochen, Muskeln und Blut. Der Gesang bildet die Haut, der Charakter auf der Bühne aber ist komplett nackt. Janáček hat eine unglaubliche Fähigkeit, Figuren in ihrer menschlichen Komplexität zu zeigen und sie in wenigen Phrasen zu charakterisieren, sodass man sofort versteht, mit wem man es zu tun hat. Und wie Mozart urteilt er dabei nicht. Niemand ist einfach gut oder böse; es ist alles Grauzone. Die Figuren sind alle in irgendeiner Weise beschädigt. Ich denke, diese Menschen gehen uns so nahe, weil wir uns in ihnen reflektiert sehen.

Jakub Hrůša wurde von Markus Hinterhäuser als Dirigent engagiert, er gibt damit sein Debüt bei den Salzburger Festspielen.

Markus weiß, dass ich einen echten Partner im Graben brauche. Ich kann meine Inszenierung nicht losgelöst von der musikalischen Seite der Produktion machen. Jakub ist meiner Meinung nach momentan der beste Janáček-Dirigent der Welt und reicht mindestens an Charles Mackerras heran.

Sie inszenieren die Oper in der Felsenreitschule?

Bei Káťa Kabanová denkt man gern zuerst an ein Familiendrama, ein Kammerspiel, und würde vielleicht eine kleinere Bühne erwarten. Ich glaube aber, dass gerade die Felsenreitschule der richtige Ort ist für den Schauplatz, dieses Dorf oder Städtchen, aber nicht als realistisches Setting. Ich beschränke mich in meiner Káťa im Wesentlichen auf Körper, Gesang, Text und Klang – und Licht.

Welche Rolle spielt dabei die Felsenreitschule als Ort?

Die enorme Wand der Felsenreitschule wirkt an sich schon erdrückend. In dieser Atmosphäre erleben wir die Ereignisse aus der Sicht Káťas, durch ihr alptraumartiges Gefühl, dass niemand mit ihr sprechen möchte. Das Gefühl des Eingesperrtseins wird aber nicht allein von Mauern oder von einem kleinen Raum verursacht. Jedes Wort, jede Bewegung muss dazu beitragen.

Das Schauspiel, das Káťa Kabanová zugrunde liegt, spielt in einem russischen Städtchen in der Mitte des 19. Jahrhunderts, Janáčeks Oper wurde 1921 uraufgeführt. Wo liegen die Berührungspunkte mit unserer Gegenwart?

 Ich glaube, wir brauchen diese Stücke. Gerade jetzt. Sie haben nichts mit Ironie zu tun, und auch nichts mit politischer Dogmatik. Sie haben vielmehr mit dem Kern des Menschseins zu tun und stellen dabei wesentliche Fragen: Was ist mein Leben? Wie kann ich jemanden lieben? Was ist Liebe? Was ist das Beengende am bürgerlichen Leben? Káťa Kabanová wirft Themen auf, die uns sehr nahe sind, ohne mit dem Finger darauf zu zeigen.

Leoš Janáček (1854 – 1928)

Káťa Kabanová Oper in drei Akten (1921)

Libretto von Leoš Janáček nach dem Schauspiel Das Gewitter (1859) von Alexander Nikolajewitsch Ostrowski in der tschechischen Übersetzung von Vincenc Červinka

Neuinszenierung

Premiere: So, 7. August 2022

5 weitere Vorstellungen: 11., 14., 21., 26. und 29. August 2022

Jakub Hrůša Musikalische Leitung

Barrie Kosky Regie