
EIN JEDERMANN – Zwei Bühnen, zwei Welten, ein Mensch
Prolog – Zwei Jedermänner, zwei Augenpaare
Ich habe beide Aufführungen gesehen. Den Jedermann am Domplatz, als Robert Carsen ihn 2024 zum ersten Mal neu inszenierte – ein Ritual, das sich in die Salzburger Sommernächte eingeschrieben hat. Und ich sah Mitterers EIN JEDERMANN auf der kleinen Seebühne in Seeham, mitten im Juli 2026 – ein Stück, das nicht nur erzählt, sondern die Gegenwart aufreißt wie ein Vorhang.
Beide Abende haben mich geprägt. Beide haben mich herausgefordert. Doch nur einer wagt den Sprung in die Gegenwart – und landet mitten im Herzschlag unserer Zeit.
Der See – Mitterers Ein Jedermann in Seeham
Ein Sommerabend am Wasser. Die Bühne klein, fast schüchtern, doch das Stück groß wie ein Sturm, der über die Oberfläche fährt. Felix Mitterer nimmt Hofmannsthals Mysterienspiel und reißt es aus dem barocken Himmel herunter – mitten hinein in die Gegenwart, in die Büros, die Stahlwerke, die Waffenlobbys, die Intrigen der globalisierten Wirtschaft.
Hier ist Jedermann kein Playboy. Er ist ein Generaldirektor, ein Mann, der täglich Entscheidungen trifft, die über Leben und Tod ganzer Länder bestimmen. Seine Ehe zerbricht, seine Frau verzweifelt, seine Sekretärin wird zur Buhlschaft, und der Tod tritt nicht als barocker Bote auf – sondern als Schatten im Büro, zwischen Aktienkursen und Geburtstagskuchen.
Die Trinität erscheint nicht im Himmel, sondern im Konferenzraum. Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist stehen neben Tod und Teufel – eine groteske, fast kafkaeske Überlagerung von Religion und Kapital.

Und das Wunder: Laiendarsteller tragen diese Welt. Vielleicht gerade deshalb so glaubwürdig, weil sie selbst aus jener Realität kommen, die Mitterer zeigt: Arbeit, Druck, Politik, Wirtschaft, Kriege, die nicht weit weg sind, sondern in den Nachrichten, in den Fabriken, in den Familien.
Der Domplatz – Carsens Jedermann in Salzburg

Der Domplatz ist ein Ritual. Ein Jahrhundertspiel. Eine Bühne, die größer ist als jeder Darsteller – außer vielleicht Philipp Hochmair, der sich heuer sogar aller Hüllen entledigt, um die Ikone neu zu entzünden.
Carsen verwandelt die Tischgesellschaft in eine glitzernde Party der Superreichen. Eine Disco der Eitelkeiten. Ein Kellner, der Bote des Todes, schenkt reinen Wein ein – und plötzlich flieht die Gesellschaft, als wäre der Tod ein Paparazzo, den man nicht sehen will.
Jedermann bleibt allein. Seine Freunde, seine Geliebte, sein Reichtum – alle verschwinden wie Schatten im Scheinwerferlicht. Nur der Glaube bleibt, als letzter Begleiter, als moralische Rettungsleine. Carsen arbeitet mit Licht und Schatten, mit minimalistischen, aber effektvollen Szenerien, die die emotionale Tiefe verstärken.
Doch im Kern bleibt es: Reichtum. Party. Fall. Erlösung. Ein Ritual, das sich seit hundert Jahren wiederholt.
Die Gegenüberstellung – Zwei Jedermänner, zwei Wahrheiten
Mitterer (Seebühne)
- Gegenwart – Wirtschaft, Waffen, Politik, Intrigen
- Realismus – Tod im Büro, Aktienkurse, Selbstmord, Konzernmacht
- Laiendarsteller – authentisch, nah, glaubwürdig
- Gesellschaftskritik – Armut, Arbeitslosigkeit, Kriegsindustrie
- Transfer ins 21. Jahrhundert – radikal, mutig, notwendig
Carsen (Domplatz)
- Tradition – 100 Jahre Festspielritual
- Ästhetik – Disco, Party, Reichtum
- Ikone Hochmair – nackt, exzessiv, magnetisch
- Symbolik – Reichtum als Sünde, Glaube als Rettung
- Barock trifft Moderne – Licht, Schatten, Monumentalität
Fazit – Die kleine Bühne, die große Wahrheit
Eine kleine Seebühne kann Großes hervorbringen. Sie braucht keine Hochkultur, keinen Domplatz, keinen Glamour. Sie braucht nur Mut – und Menschen, die die Realität kennen, weil sie in ihr leben.
Mitterer zeigt die Welt, wie sie ist. Carsen zeigt die Welt, wie sie seit hundert Jahren erzählt wird.
Beide haben ihre Berechtigung. Gerhard Es beschreibt seine Inszenierung als Weiterführung einer Tradition: Jedermann immer wieder in die Zeit zu holen, in der wir leben!
Dieser Text wurde inhaltlich vollständig von der Autorin Christa Linossi verfasst und mit KI‑Assistenz (Microsoft Copilot) sprachlich verdichtet und strukturell verfeinert.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.