Wenn Räume ausatmen

Ein Mensch geht durch den Schnee, zwei Hörner wie Erinnerungen über der Schulter. Die Landschaft hält den Atem an – und das Bild beginnt zu sprechen. Foto: (c) Christa Linossi 2026

Es war ein stinknormaler Dienstag — einer dieser Tage, die nichts versprechen und dann doch etwas mit sich bringen. Ich musste zum Internisten, Herz‑Check. Mein Herz schlägt seit meiner Jugend ein wenig anders, eigenwillig wie meine Ideen, die sich manchmal überschlagen. Auf dem Monitor konnte ich jeden Schlag sehen, jede Linie, jede Kurve — und natürlich schossen mir sofort wieder künstlerische Bilder durch den Kopf. Ich wollte eigentlich eine Pause von der Kunst. Natürlich gelang mir das nicht.

In Hallein stand ein Plakatständer, einfach so, mitten im Alltag. Bildhauerei. Ein Name. Ein Hinweis. Meine Neugierde sagte: Geh hinein. Also ging ich.

Ich betrat die Pernerinsel — diese alten Salzräume, schwer von Geschichte, kühl, weit, durchzogen von Arbeitsspuren. Gleich am Eingang eine überdimensionale Wand. Ich stand davor, verstand nichts, ließ sie links liegen. Kein Foto, kein Impuls. Nur ein Fragezeichen.

Doch meine Neugierde blieb wach. Im nächsten Raum öffnete sich plötzlich ein Blick: ein riesiges Plakat, WERNER WÜRTINGER. Eine Ausstellung über den Halleiner Bildhauer und jene Generation, die nach 1945 die österreichische Skulptur geprägt hat.

Würtinger‑Installation — Metallische Kegel ragen aus einer sandigen Bodenlandschaft und verdichten den Raum zu einer stillen, skulpturalen Spannung. Foto: (c) christa linossi 2026

Würtingers Arbeiten: abstrakte Elemente, Latten, Balken, Gestänge. Strenge Gerüste, die an Architekturmodelle erinnern. Farbig gestrichene Balken, Raster, Linien — Waagrechte, Senkrechte, Diagonalen, die sich zu einer neuen Räumlichkeit verweben. „Der Stein hat auch eine Stimme“, sagt Würtinger. Ich glaube ihm das sofort.

Würtinger‑Gerüstform — Verschachtelte Balken in Rot‑ und Orangetönen verdichten sich zu einer stillen Konstruktion aus Linie, Rhythmus und Raum. Foto: (c) christa linossi 2026

Er schleppte Röhren durch Landschaften, auf jeder Schulter eine. Einige davon stehen jetzt hier im Raum. Ich musste die übergroßen Wandtexte lesen, um Klarheit zu bekommen — und dann kam das berühmte „Aha“. Licht ins Dunkel.

Die Ausstellung AUSATMEN ist Teil des Kunstsommers 2026. Sie zeigt Würtingers Werk und den Resonanzraum seiner Zeit: Wotruba, Gironcoli, Avramidis, Göschl, Pillhofer und viele andere. Eine ganze Generation, die die Nachkriegsskulptur formte.

Bildhauer‑Resonanzraum — Ausstellungsraum mit Arbeiten der österreichischen Bildhauergeneration nach 1945; ein Zusammenspiel aus Holzarchitektur, farbigen Setzungen und skulpturalen Formen. Foto: (c) christa linossi 2026

Würtingers Formen wirken wie stille Konstruktionen aus Linie, Öffnung und Körper. Sie greifen ineinander, schieben sich vor und zurück, bilden Rhythmus. Trichterartige Gefäßformen öffnen sich in den Raum, als würden sie Atem, Klang oder Bewegung aufnehmen und weitergeben. Man steht vor ihnen wie vor Körpern — und gleichzeitig lösen sie sich durch ihre Offenheit wieder auf. Diese Durchlässigkeit ist wie ein Ausatmen: etwas tritt hervor, wird sichtbar, verschwindet w Die Farbe nimmt den Skulpturen die Schwere, macht sie leicht, fast schwebend. Und dann das Salz — Hallein, die Salzstadt. Salz bewahrt und verändert, ist fest und löslich zugleich. Wenn Würtingers Formen mit Salz in Verbindung treten, entsteht ein Spannungsfeld zwischen Konstruktion und Auflösung, zwischen Körper und Spur. Auch das ist ein Ausatmen.

Die Ausstellung verteilt sich über mehrere Orte: die alte Saline, das Keltenmuseum, die Galerie pro arte, die HTL Hallein, der Kunstpavillon Vogl und Schloss Wiespach. Ein Netz aus Räumen, Geschichte und Atem.

AUSATMEN | Werner Würtinger Noch zu sehen bis 28. August 2026 Pernerinsel Hallein, Mauttorpromenade 7

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