
Durch Zufall geriet ich am 7. März 2026 in eine Vernissage der Galerie MAM (Mario Mauroner Contemporary Art) in den Gewölben der Salzburger Residenz. Ich wusste nur, dass ein steirischer Künstler ausstellt – der Name sagte mir zunächst wenig. Sicher war mir jedoch: Die Galerie MAM präsentiert seit Jahrzehnten junge, aufstrebende und spannende Positionen, um dem dynamischen Kunstmarkt gerecht zu werden. Seit 52 Jahren führen Mario und Waltraud Mauroner diesen Ort, der längst zu einer festen Größe der zeitgenössischen Kunstszene geworden ist.
Der österreichische Grafik- und Installationskünstler Constantin Luser nimmt spätestens seit seinem performativen Zeichenauftritt auf der Art Basel 2005 eine zentrale Position in der Gegenwartskunst ein. Mit seinen Wand- und Raumzeichnungen überschreitet er konsequent die Grenzen der klassischen Zeichnung.
Als ich die Galerie betrat, war mein erster Impuls ein spontanes „Wow“. Wer war dieser Künstler – und warum kannte ich ihn nicht? Eine Frage, die mich sofort beschäftigte, zumal Luser aus der Steiermark stammt.

Vor mir schwebten feingliedrige, fragile Drahtobjekte im Raum – zart, abstrakt, poetisch. Das Faszinierende an diesen Objekten ist ihr doppelter Ausgangspunkt: Sie erzeugen ein Schattenspiel, das sich wie eine zweite Zeichnung an die Wand legt. Die Schatten der frei hängenden Skulpturen bilden Linien, die sich verändern, je nachdem, wie man sich im Raum bewegt.
Was sehe ich im Objekt – und was sehe ich an der Wand? Diese Frage öffnete einen Denkraum.
Luser zeigt, wie fragil Denken ist – und wie präzise es werden kann, wenn es sich in Linien verwandelt, die in den Raum hineinwachsen. Seine Drahtskulpturen reagieren auf Bewegung und Perspektivwechsel. Die Linie wird zur Denkspur, der Strich zum Werkzeug, das Muster, Formeln und Bilder hervorbringt. Fragilität wird bei ihm zum ästhetischen Prinzip.
Der Künstler arbeitet zudem mit Musikinstrumenten, verwandelt Klangkörper in Skulpturen und verbindet Räume zu mentalen Karten. Während ich die Objekte betrachtete, übernahm ich seine Denkspur – und die Linien zeichneten für mich Erzählstränge an die Wand.

Fragilität kann als Form der Gegenwart gelesen werden: als Ausdruck unserer Unsicherheiten, unserer Herausforderungen, unserer Lebenswelten. Sie zeigt, wie wir leiden, wie wir uns anpassen, wie wir Stabilität suchen – und wie brüchig sie oft ist. Lusers Arbeiten spiegeln diese Ambivalenz auf poetische Weise.
Zur Person: Constantin Luser wurde 1976 in Graz geboren. Nach seinem Studium der Konzeptuellen Kunst und Visuellen Medien in Wien wandte er sich der Zeichnung zu – für ihn das ursprünglichste Medium der Kunst. Mit präziser Linienführung überträgt er Bildwelten aus seinen Skizzenbüchern in komplexe, oft bizarre und fantastische Gefüge.
Seine Ausstellungen führten ihn zwischen die USA und Europa; zuletzt war seine Arbeit in der Kunsthalle Mannheim zu sehen. Nun zeigt die Galerie MAM seine Werke in Salzburg – und macht damit einen Künstler sichtbar, dessen Linien weit über den Raum hinausdenken.
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.